Hat The Take recht? (Dysfunktionale Familien)

Der Youtubekanal The Take präsentiert regelmäßig unterhaltsame Analysen zu Stereotypen in den Medien. Besonders bekannt sind sie für ihre feministischen Analysen. In einer aktuellen Folge schauen sie sich Gruppen statt Einzelpersonen an. Es geht ums Phänomen dysfunktionale Familien.

Eine dysfunktionale Familie besteht aus Famlienmitgliedern, die von der Norm abweichen und sich gegenseitig daran hindern, sich in die Gesellschaft erfolgreich zu integrieren. Die Kinder bleiben oft in dysfunktionalen Kreisen wie bei Verwandten oder in der unmittelbaren Nachbarschaft, ohne den Unterschied zur funktionalen Familie kennenzulernen. Damit geben sie ihre Schwierigkeiten und Traumata leicht an die nächste Generation weiter.

The Take macht gleich zu Beginn klar, dass alte Serien und Flme zu Beginn das genaue Gegenteil zeigten: Die perfekte Familie. Mir sind die frühen US-Serien nicht bekannt, aber hierzulande sind beispielsweise Kinderserien wie „Wir Kinder vom Süderhof“ oder „Siebenstein“ (auch wenn die Kinder ein Rabe und ein Koffer sind) im Gedächtnis geblieben. Auch die Daily Soaps wie „Gute Zeiten – Schlechte Zeiten“ (GZSZ) oder selbst die tabubrechende „Lindenstrasse“ sind doch sehr milde im Vergleich zu späteren Beispielen dysfunktionaler Familien.

The Take erklärt, dass die perfekten Familien in der Regel wirtschaftlich besser dastanden als der Rest des Landes. So wie in GZSZ jeder eine Bar, ein Restaurant oder eine Praxis hatte. Keiner ist arbeitslos. Wirklich niemand. In der Serie konnten Neuankömmlinge zu einem Bekannten gehen und mit einer Anfrage einen Job bekommen. Es funktionierte immer. Perfekte Familien haben nicht nur Jobs, sondern auch ein gutes Einkommen – nicht nur ausreichend – und Wohnungssicherheit. Dysfunktionale Familien wie „Roseanne“ oder „Malcolm mittendrin“ zeigten, dass sie weit davon entfernt sind.

Es gibt auch reiche dysfunktionale Familien wie „The Royal Tennenbaums„. Dort geht es um Bedürfnisse der Kinder, die nicht erfüllt werden. Eigentlich werden die Kinder wie Erwachsene behandelt und sind zudem adoptiert, was ihnen früh erzählt wird. Es geht um die Frage „Was leistest du?“ statt um „Was möchtest du kennenlernen?„. Intime Momente mit den Eltern gibt es nur mit der Mutter. Der Vater nimmt sich nur Zeit, um die Kinder der Presse vorzuführen und auch die Mutter kassiert durch ihre Sachbücher, in denen sie zeigt, welch unglaublichen Job sie bei der Erziehung dieser Genies geleistet hat.

Außerdem haben sich die Werte und Ansichten in der Gesellschaft verändert. Wer hätte vor 50 Jahren gedacht, dass eine Familie aus zwei Männern/ Frauen/ etwas dazwischen bestehen könnte? Patchworkfamilien sind auch relativ neu. Früher gab es auch Scheidungen, aber wurden neue Partner (mit Kindern) in die Familie geholt? Migranten oder Minderheiten sind in der Regel ganz anders. Heute zeigt man sie immer häufiger.

The Take meint nun, dass die dysfunktionalen Familie spaßig sein können und uns daran erinnern, dass Familie das wichtigste ist. Sie gehen sogar so weit zu sagen, dass der Mangel an Harmonie uns Zuschauer dazu inspirieren könnte, unsere eigene Abweichung von der Norm weniger schlimm wahrzunehmen. Man zeigt, dass es nicht so einfach ist, Kinder großzuziehen. Darüber hinaus gibt es vielleicht keinen Zusammenhalt, aber man bleibt zusammen. In „Arrested Development“ könnte einer der Söhne in Kontakt mit der verrückten Familie bleiben, um seinem Leben mehr Würze zu geben.

Dass es eine Familien oder ein Familienmodell gebe, dass besser sei, hält The Take für unrealistisch als auch ausgrenzend. Alle Familien seien irgendwie dysfunktional. Der zweiten Aussage stimme ich zu. Wer suchet, der findest. Es gibt zurecht das Beispiel von „The Crown“ über die englische Königsfamilie Windsors. Die britische Monarchie ist zwar seit Jahrhunderten für ihre Skandale bekannt, aber selten wurde soviel berichtet wie bei den Windsors, einer reichen, einflussreichen und behüteten Familie.

Allerdings sehe ich, dass es gerade wegen der Romantisierung, die The Take erwähnt, einen Gegenentwurf geben muss. Ein Gegenentwurf deutet an, dass es bessere Familienmodelle gibt. Es reicht ein Blick nach Berlin. Wir haben hier an jeder Ecke dysfunktionale Familien, angefangen wahrscheinlich mit meiner Familie, mit den Nachbarn unter mir und denen darunter. Armut ist nicht schön, aber wer arm bleiben möchte, scheint Lebensmut verloren zu haben. Ich habe hier Kinder, gerade in einem bekannten Bezirk (beginnt mit N) kennen gelenrt, die als Berufswunsch Hartz IV-Empfänger angeben. Denn dann kriegen sie genug, um die Verwandschaft zu versorgen und das nötigste zu holen. Die Idee kommt von den Eltern, die schweren Zugang zum Arbeitsmarkt haben. In anderen Familien, wo Geld keine Rolle spielt, landen die Kinder auf dem Sofa des Therapeuten. Häufig wegen Depressionen, Bulimie oder Drogen. Ich war auf einem Gymnasium mit reichen Kindern. Da war was los! Manche Kinder werden beschimpft und wissen das nicht einmal. Ein Junge, mit dem ich zu tun habe, setzte eine erwachsene Sekretärin unter Druck, die lediglich wissen wollte, auf wen er warte. Die Sekretärin wirkte verstört. Der Junge hat in seiner Wahrnehmung gar nicht verstanden, dass seine Sprache das Problem war. Bei ihm zu Hause gibt es viele Geschwister, die reden alle so. Die Mutter wisse immer nicht, woher das kommt.

Eine dysfunktionale Familie kann jemanden dazu bringen, sie zu verlassen. Standardthema ist der Kontaktabbruch zum vernachlässigendem Vater oder zur schädigenden Mutter. Als wenn es damit getan wäre. In manchen Fällen sind die Familienmitglieder in Therapie oder lösen ihre Probleme mit Drogen, Fremdgehen oder anderen Versuchen. Es löscht aber keine Erinnerungen. Die harmlosesten mir bekannten Beispiele hier sind „The Simpsons“ (exzentrischer Vater), „Six Feet Under“ (Tod des Vaters) und „Roseanne“ (Armut durch Schwangerschaft im Jugendalter). Die Kinder suchen sich Nischen. Es ist wichtig, das Drehbuch unterhaltsam zu machen. Das geht meist nicht anders als mit Konflikten, die über mehrere Folgen gehen. Behalten wir das im Hinterkopf, wissen wir natürlich, dass alles in diesen Serien übetrieben ist. Allerdings ist es nicht normal, dass ein Vater und ein Sohn sich gegenseitig würgen (Simpsons), die „vergessene“ Tochter Drogen nimmt und Füße stiehlt (Six Feet Under) oder die Oma ihre Kinder gegeneinander ausspielt (Roseanne).

Wenn es nur dazu führt, den eigenen MIST zu rechtfertigen, dann muss sich entweder die Gesellschaft anpassen – das tut sie nicht – oder wir müssen einen weiteren (tragischen) Außenseiter hinnehmen.

Die Simpsons und das Würgen | abc.net.au

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