Joker (2019): Da hat er nichts zu lachen!

Joker Arthur

Letzte Woche habe ich den Film gesehen, über den so viele reden. Die eine mögliche Erklärung, warum der Joker aus „Batman“ so schrill und kriminell geworden ist. Den Film, der Joaquin Phoenix endlich den Oscar bringen soll. Die Geschichte, in dem sich bereits viele vor der Premiere wiedererkannten, sodass den Kinogängern die Knie vor möglichen Attentaten schlotterten.

Es geht um einen Mann namens Arthur Fleck. Nein, wirklich. Es geht nur um ihn. Alles geschieht aus seiner Perspektive. Arthur kann sich als Clown gerade so über Wasser halten und erntet von seinen Mitmenschen wenig Respekt. Mit seiner Mutter Penny teilt er sich ein beschämendes Apartment und träumt von der großen Comedybühne. Zu gerne würde er zum Beispiel im Fernsehen bei Murray Franklin auftreten. Er malt sich aus, wie herzerwärmend das wäre. Manchmal fällt er durch merkwürige Angewohnheiten auf. Dahinter stecken psychische Probleme, die nicht ausreichend behandelt werden. Eigentlich ist er ein guter Mensch. Bis ihm ein Kollege zum Selbstschutz eine Waffe verkauft. Ab da wissen wir nicht mehr, wie Arthur wirklich tickt. Arthur hat etwas sehr böses getan.

Jeder, der den Film gesehen hat, kennt die Schlussszene. Während sie lief, wurde ich nachdenklich. Sie bietet etwas zum Schmunzeln, doch das Urteil ist klar: „Du bist verrückt, Arthur!„. Ich lief nach Hause. Dabei musste ich die detailreichen Nuancen und möglichen Wahnvorstellungen sowie viele mögliche Anspielungen verarbeiten. Was auch immer in diesem Film gezeigt wird, es wächst über eine normale Comicverfilmung hinaus.

Da beginnt aber das Problem. Es ist keine Comicverfilmung! Die Figuren stammen aus dem 80-jährigen Batman-Universum. Es tut trotzdem wenig zur Sache, ob die Waynes die reiche Familie oder Gotham City die Stadt aus „Batman“ sind. Natürlich gibt es Parallelen. Der Joker trägt sein Kostüm und wir sehen eine Schlüsselszene, die Batman dazu motivierte, Kriminelle zu jagen. Die Stadt blüht vor lauter stressender Ekelhaftigkeit genauso wie die Stadt aus dem Comic. Dann wäre da noch das Krankenhaus Arkham State Hospital. Zwei Comics gelten immerhin als Inspiration „The killing Joke“ (1988) und „The Dark Knight“ (2012-2014).

Eher interessierte die Macher die realistische Wende von den 70ern zu den 80ern. Allem voran die Filme von Regisseur Martin Scorsese. „Taxi Driver“ (1976) gilt unter Zuschauern als Vorlage zu „Joker„. Doch stärkere Ähnlichkeiten gibt es bei Scorseses anderem Film „The King of Comedy“ (1983) über einen anderen aufstrebenden Komiker, der böse Sachen macht.

Interessanterweise wurde „Joker“ von Todd Philipps gedreht. Das ist der Regisseur, der Comedys wie „Hangover“ (2009) kreierte. Ja, das mit dem nackten Asiaten und dem verwirrten Bärtigen. Er kam zu diesem Film, weil man ihn für Comicverfilmungen gewinnen wollte. Doch könnte er auch nur verrückt gewesen sein. Wer würde sich noch an den Joker nach Heath Ledgers legendärer Performance herantrauen?

Die Besetzung und Thematik hat mich persönlich unglaublich angesprochen. Zu allererst hätten wir den Hauptdarsteller Joaquin Phoenix. Der blieb genauso wie ein Leo und Johnny über Jahre ewiger Zweiter. So etwas frustriert unheimlich. Er trat einige Male mit Vollbart und ernster Miene in Talk Shows auf. Könnte sein, weil er als hervorragender Schauspieler nie den Oscar gewann. Phoenix spielt Arthurs verletze und psychotische Seiten sehr gut. Das Lachen des Witzemachers ist gestört. Manchmal hört man ihm das auch beim Sprechen an. Wenn er zum Beispiel in der Psychiatrie sein Geständnis ablegt und der Mitarbeiter panisch eine Beratung empfiehlt.

Die Mutter Penny wird von Frances Conroy gespielt. Sie wurde unter anderem aus einer meiner Lieblingsserien „Six Feet Under“ (2001-2005) bekannt. So zerbrechlich und naiv wie sie anfangs wirkt, von ihrem Arthur gepflegt wird und immer wieder etwas vom Unternehmer Thomas Wayne säuselt, nimmt man sie nicht ernst. Das ganze ändert sich mit einem weiteren Brief, den sie an Wayne schicken möchte. Arthur öffnet den Brief und erfährt von einem Familiengeheimnis. Sie wollte nicht, dass es herauskommt. Am Ende ist sie mitverantwortlich für Arthurs psychischen Ausbruch. Als man dann erfährt, dass die Geschichte von ihrem verrückten Verstand vielleicht nur erfunden wurde, gelangt Arthur an ihre alte Psychiatrieakte. Darin stehen Sachen, die seine Belastungsstörung erklären. Plötzlich ist seine Mutter kein Opfer mehr.

Dann wäre da der Schauspieler schlechthin, Robert DeNiro. Der Hauptdarsteller aus den oben genannten Scorsese-Filmen. Mister Method Actor, der Joaquin Phoenix, Jared Leto und Heath Ledger im Method Acting ein Vorbild war. Er spielt Murray Franklin, einen erfolgreichen Talk Show-Host. Es ist unfassbar für Arthur, als er eines Tages nach dem verbreiteten Chaos eine Einladung zur Show bekommt. Murray ist kein Fan von Arthur, machte sich sogar über ihn lustig und gab ihm den Spitznamen „Joker“ (engl. Witzbold). Doch die Reaktionen der Zuschauer motivieren ihn, Arthur eine zweite Chance zu geben. Arrogant und selbstgefällig wartet er darauf, dass Arthur auf Kommando lustig ist. Als Arthur dies nicht gelingt, fordert er Antworten. Wieder eine herausfordernde Situation, in der Arthur aneckt und ausrastet.

Im Film geht es ums Triggern. Arthur Fleck soll ein Produkt seiner Umwelt sein. Seit Beginn des Films kommt ein Schicksalsschlag nach dem anderen. Der Rhythmus ist etwas holprig. Ein bisschen weniger an triggernden Ereignissen hätte dem Film gut getan. Dass beispielsweise seine Mutter im Krankenwagen abtransportiert wird, nachdem Arthur nach einem langen Tag nach Hause kommt. Dann der Besuch bei den Waynes, der nicht gut endet. Schließlich der Besuch im Krankenhaus, wo er an die Akte kriegt. Kann der Mann einmal eine Pause bekommen?

Dann wäre da die Nachbarin, die in ihm Gelüste auslöst und ihn sogar toll findet. Schnell freunden sie sich an und haben eine Romanze. Wie viele Stellen in diesem Film, ist auch hier anfangs nicht klar, ob der Fisch stinkt. Ich empfand diesen Teil der Geschichte als Zeitverschwendung, aber es macht deutlich, wie Arthurs Hirn zu ticken scheint. Ob er am Ende seiner real existierenden Nachbarin etwas antut, wird nicht aufgelöst.

Psychopathologisch gesehen gibt es einige Verhaltensweisen, die der Film gut porträtiert. Das Lachen des Jokers ist sein Markenzeichen. Doch hier wird es nicht zum Spott oder Einschüchtern eingesetzt. Arthur leidet an einer neurologischen Störung, die ihn in unangenehmen Situationen lachen lässt. Es bringt ihm so oft Probleme ein, dass er Karten mit medizinischen Informationen ausgibt. Diese Stimmungsinkongruenz gibt es tatsächlich. Eine Patientin aus einer Psychiatrie, die ich kennen lernte, litt unter Depressionen. Sie wurde in einer eigentlich glücklichen Lebensphase eingeliefert, weil die neuen Situationen Stress verursachten. Seitdem musste sie beim Lachen sofort weinen. Das erste Mal, als Arthur im Film mit verkrampfter Mimik und Oberkörper gerade so nach den Karten griff, konnte ich den Schmerz dieser Patientin wiedererkennen.

Joker Treppe

Arthur gewinnt an Stärke und Selbstbewusstsein, obeflächlich gesehen. Seine Moral sinkt und inmitten des Chaos, was manche an echte Demonstrationen und Aufstände erinnerte, findet er Schlupflöcher. Nach einer gewissen Zeit sehen wir ihn in der Tracht des Comic-Jokers. Arthur trägt traditionelle Schminke, doch der Anzug und die Farben sind unverwechselbar. Als er ausgerechnet zu einem Lied von Gary Glitter (veruteilter Pädophiler) die nun berühmte Treppe heruntertänzelt, entdeckt ihn die Polizei. Irgendwann kann er vor ihnen flüchten und setzt sich hämisch eine Clownsmaske auf. Das hätte der Arthur vom Anfang des Films nie gewagt! Da musste ich an die starke Ähnlichkeit zu Heath Ledger denken, den ich noch immer stark vermisse. Die meisten Fans des Jokers scheinen Ledgers Version zu bevorzugen, auch wenn Phoenix ihm (fast) ebenbürtig sei.

Manche Sachen finde ich im Film unverständlich. Zum Beispiel, wie das Schild, das Arthur anfangs zum Arbeiten nimmt, von Jugendlichen auf seinem Kopf zerbrochen werden kann. Er fliegt augenblicklich zu Boden und kann sich unter den Tritten der Jugendlichen nicht mehr rühren. Am Ende des Films wird er hart angefahren und rennt weiter. Adrenalin hin oder her… jetzt bricht er sogar die Gesetze der Physik. Warum glitzert das Blut? Wie konnte er die Tür zur Nachbarin öffnen? Warum färbt er sich die Haare jetzt grün? Und wieso hält er bei Murray plötzlich diese Rede?

Der Film spielt mit den Dialogen. Es gibt erstklassige Zitate, die im Internet die Runde machen. Alle gezeigten Witze der Komiker sind fade. In der besagten Schlussszene sitzt er der Psychologin gegenüber, wieder eine schwarze Frau, und muss dieses Mal scheinbar wirklich lachen. Als sie fragt, was so komisch sei, antwortet er: „Das würden Sie nicht verstehen.“. Das alles nach über 100 min. Film. Im Anschluss folgen Bilder, wie er in der Flur schreitet und eine letzte Slapstick-Einlage hinlegt. Verstanden?

Ob der Regisseur nun das Leben einer Comicfigur, eines psychisch Kranken oder einer kranken Gesellschaft zeigen wollte? So richtig wird dies nicht klar. Umso schöner ist es, wie sehr die Leute wieder interpretieren können und nicht wissen, ob sie Arthur bemitleiden oder verurteilen sollten. Seit langem fand ich auch die Rolle des Schaupielers nicht mehr so wichtig wie hier. Der Film hat seine Szenen, bei denen ich mich doch etwas auf dem Arm genommen sah, doch man kann ihn empfehlen. Für ein Meisterwerk halte ich den Film nicht. Allerdings habe ich mich seit langem nicht mehr mit Freude aus dem Kino bewegt.

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