Szenen aus der Heimat I [Medienbio #11]

Wo ich hier sitze und dem Gewitter lausche, schreibe ich über ein Sehnsuchtsthema. Die Heimat. Ein Kampfbegriff. Bis heute weiß ich nicht, ob ich sie gefunden habe.

Als ich klein war, gab es einen Reisepass von mir. Ich habe angeblich in ihn hineingekritzelt und verursachte damit einen Riesenärger am Flughafen. Angeblich konnten wir so beinahe nicht nach Deutschland zurückfliegen.

Meiner Mutter wäre es gelegen gewesen. Doch unser aller Leben fand mittlerweile in Deutschland statt. In ihrer Heimat streng genommen. Sie wollte nicht zurück. Mein Vater wollte es. Ihr Land, die DDR, existierte nicht mehr. Da sie anders war, fühlte sie sich auch in der DDR fremd. Oft genug hat sie die Veranstaltungen der FDJ geschwänzt und früh angefangen, diverse Fremdsprachen zu lernen.

Mein Vater konnte sein Land auch nicht früh genug verlassen. Hat man ihn doch genötigt, seine beruflichen Träume aufzugeben. Zum Dank ist er für die Regierung fast draufgegangen und hatte danach tatsächlich besseres zu tun. Als er mich im Alter von 29 Jahren zum ersten Mal erblickte, fühlte er sich endlich verwurzelt. Für ihn war klar, er bliebe in der DDR. Woanders gäbe es keine Zukunft.

Dann kam der Mauerfall. Das Ereignis, das auch in Übersee live übertragen wurde. Ich war noch ein Kleinkind. Meine Eltern waren an dem Abend zu Hause und dachten sich ihren Teil. Vom großen Wandel träumten die beiden nicht. Rasch erahnten sie die Konsequenzen. Ein Film, den ich mit damals verbinde, war „Good bye, Lenin!“ (2003). Eine Szene beeindruckte mich im Kino besonders. Die Brutalität gegen die Demonstranten der Montagsdemos. Obwohl ich schon wesentlich brutalere Dinge gesehen habe, fand ich die Gewalt schockierend.

© „Goodbye Lenin: Protest Scene“ von matthewInk22, 24.06.2007

Als kleines Kind wollte ich viel über meine Familie und die DDR wissen. Ich genoss, wie meine Mutter aus ihrer Kindheit erzählte. Sie wies auch auf positives hin. Meine Oma schimpft eher wie ein Rohrspatz über Wessis, die behaupten, es hätte bei uns keine Bananen gegeben. Lachhaft!

Es gab drei oder vier Bücher, die meine Mutter in mein Kinderzimmer brachte. Eines davon war eine meiner Lieblingsserien: „Alfons Zitterbacke„. Ich habe besonders die Geschichte der Geisterbahn geliebt. Alfons erlebte unschuldige Abenteuer, die ich unterhaltsam fand. Es muss für heutige Standards ganz schön öde sein. Dieses Buch stellte ich meiner siebten Klasse vor. Mit dem Risiko, eben öde anzukommen. Es war halb so schlimm.

Prince CharlesPrinz Charles in meiner Nähe und ich habe es nicht mitbekommen. | © Lutz Schmidt/ADP auf tagesspiegel.de

Nach der Wende entschied die Bundesregierung, von Bonn nach Berlin zu ziehen. Die Gegend, in der ich aufwuchs, hatte aber ihren DDR-Charme scheinbar nicht verloren. Ich wohnte in einer Platte am Ostrand von Berlin. Im damals idyllischen Berlin-Hellersdorf. Ehemals der kinderreichste Bezirk der Stadt. A pro pos, Pornowerbung gab es damals noch im Briefkasten. Heute ist der Bezirk fast leer und ist vereinzelt Wohnsitz von Millionären.

Über Hellersdorf gab es nie viel positives zu berichten. Die Arche, eine soziale Organisation, kam immer wieder in Beiträgen vor. In einem Beitrag begleitete man eine bayrische Touristengruppe einer katholischen Gemeinde. Sie war von der Armut der Berliner Kinder schockiert. Die Leier ist die dieselbe, egal wann, arme Kinder. Nun ja…. Daneben gab es die üblichen Neonazis oder Kindesmisshandlungen.

Sehr überraschte mich jedoch, dass der Prinz von Wales, Charles höchstpersönlich in den 90ern ein paar Straßen von uns von entfernt zu Besuch kam. Bis heute unglaublich! Zuletzt machte die Verfilmung zum Roman „Tschick“ (2016) auf das zusammengelegte Marzahn-Hellersdorf aufmerksam.

Über Berlin gibt es zahlreiche Romane, Dokumentationen, Lieder, Serien und Filme. „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ war eine Serie, die nicht hineinpasste, zu edel. Wir zogen um. Die sozialen Zustände waren für meine Mutter nicht mehr haltbar. Mittlerweile ist die Bundesregierung in Berlin angekommen. Wowereit outete sich. Berlin wurde wieder hip. Ich kannte die reichen Ecken, wie meine Oberschule, aber meist blieb es bei ärmeren Gegenden.

So wie meinem neuen Wohnort im nordwestlichen Reinickendorf. Da flüchtete meine Mutter vor sozialen Problemen und fand sich in einer teils mieseren Gegend wieder. Anders als in Hellersdorf gab es hier ein starkes Nord-Süd-Gefälle. Eines Tages musste ich mir den Brechreiz zurückhalten, als ich Sidos Video zu „Mein Block“ (2004) sah. Wieder umgezogen, erinnerte es mich an die Zeit im MV. Toll war sie nicht. Das Video wurde ebenfalls ein paar Straßen von unserer Wohnung weiter aufgenommen.

© „Sido – Mein Block“ von Sido, 22.10.2014

Anders war auch die bunte Mischung der Bevölkerung. In Ostberlin gab es fast nur weiße Europäer, Sowjets und vereinzelt Vietnamesen. Meine Schulfreunde und ich wuchsen mit Neonazis auf. Die NPD hatte irgendwann reichlich Platz für ihre Plakate. Im Nord-Süd-Gefälle von Reinickendorf traf ich nun plötzlich alle Nationen an. Es war erfrischend, hielt aber nicht lange an. Die frechsten Kinder meiner Klasse waren nicht mehr rein deutsch, sondern oft ausländisch. Neu war für mich auch, dass manche Eltern kein Deutsch sprechen konnten. So wie am Ende von Sidos Musikvideo wechselte die Kleidung der „bösen Jungs“ von Bomberjacke zu Parkas und Hoodies. Viel änderte sich im MV nicht, wieder Nazis, NPD und sozial schwache Familien. Im Norden dagegen Bonzenschlösschen.

Cosplayer vor dem FontanehausAniMaCo 2016: Cosplayer vor dem Fontanehaus im MV. Anfangs nur 15 Minuten entfernt. | © Japaniac.de

Anno 2002 kam ein Lichtblick ins MV! In Form von Cosplayern, Karaoke und Merchandise finden seit 2002 im Fontanehaus jedes Jahr die Mega Manga Convention (MMC) und die AniMaCo statt. Wir verließen das Viertel aus den gleichen Gründen und zogen in eine wieder vermeintlich bessere Gegend. Warum wir dort weggegangen sind, weiß ich nicht mehr.  Die Conventions im MV lasse ich mir aber nie entgehen.

So tingele ich, mittlerweile im hippen Friedrichshain angekommen, jährlich in die alte Heimat zurück. Nur um sie danach erleichtert verlassen zu können. Ihr könnt euch nicht vorstellen wie sehr ich mich freute, damals etwas in Wohnnähe zu haben. Kultur außerhalb des Stadtzentrums, nur 15 Minuten entfernt. Heute fahre ich etwa eine Stunde. Das ist es mir wert.

Schick im kulturellen Sinne ist das Zentrum Alexanderplatz, dreckig im sozialen. Ein weiteres Hip Hop-Video von Kitty Kat zeigt passend meine Marschrouten vom Alex aus: Vorbei an der Weltzeituhr, rein in die Straßenbahn nach Lichtenberg ins Dong Xuan Center oder hinunter zur  U-Bahn Richtung Osten, wo die Bahnhöfe nie so schön verziert wurden wie im Westen. Zwischendurch zu den Museen und dann zum Einkaufszentrum Alexa, bei dem die Masse während der Eröffnung den Elektronikmarkt einrannte.

Jetzt gibt es Hipster auf Modeblogs, in Musiksendungen und so weiter. Robert Hofmann dreht auf den Dächern seine Filmreviews, fährt einen anderen Tag mit dem Fahrrad an mir vorbei. Dabei redet er mit seinem Bekannten Edin Hasanovic, der als Schauspieler im Beitrag des Berliner Fensters in der U-Bahn zu sehen ist. Auf dem Weg zu meiner Wohnung kommen mir manchmal Kamerateams entgegen. Manchmal stehen auf dem Parkplatz Wohnwagen oder etwas ähnliches sowie Reisebusse. Die ganzen Werbefilme werden am Alex gedreht. Dieser ist heute voll mit Touristen, damals gab es nur Punks und Obdachlose. Die Stadt feiert sich selbst auf Plakaten und mit Streetart.

Aufzählen könnte ich noch so einiges. Werke zu Berlin. Nervige Werbespots suchen, die Berlins „Charme“ einfangen wollten. Natürlich zählt auch noch mehr zur Heimat als nur Berlin. Stattdessen schließe ich mit einem Zitat von Peter Fox (Seeed) aus dem Lieb „Schwarz zu Blau“ (2009):

Ich seh die Ratten sich satt fressen im Schatten der Dönerläden
Stapf‘ durch die Kotze am Kotti, Junks sind benebelt
Atzen rotzen in die Gegend, benehmen sich daneben
Szeneschnösel auf verzweifelter Suche nach der Szene
Gepiercte Mädels die wollen, dass ich Strassenfeger lese, ah

Ein Lied, das wirklich passt. Berlin kann so dreckig sein.

Eher kritisch…
a|fiction|esse

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