Wie ich mit Sensationslust und Skandalen lebe… [Medienbio #9]

Der Zeichner einer meiner Lieblingsmanga stand vor einigen Tagen wegen Kinderpornographie in den Meldungen. Mein Gedanke war: „Das war’s! Wenn das in Japan jetzt auch anfängt, dann war’s das!„. In der Zeit, wo in Hollywood fleißig Namen im Zusammenhang mit sexuellen Übergriffen und Belästigungen genannt werden, war der Name Nobuhiro Watsuki so ungewohnt. All die Skandale um Lügen, Sex und Macht sind schwierig für das eigene Gewissen.

 

Nachrichten über Idole und die Großen

Die „Sensation“ bekam ich in den Nachrichten mit. Eine negative Form von Sensation. Wer erinnert sich an Michael Jackson und seine immerhin zwei Prozesse wegen dem Verdacht auf Kindesmissbrauch? Ich war damals selbst ein Kind, als er zum ersten Mal angeklagt wurde. Wie viele bin ich mit ihm aufgewachsen und konnte es zunächst nicht glauben. Es war das erste Mal, dass mich ein Sensationsskandal mitgenommen hat. Auch beim zweiten Prozess wollte ich das Urteil abwarten. Das riesige Aufgebot des Jackson-Klans fand ich auch immer abschreckend und nicht glaubwürdig. Da waren aber auch die  Gegenargumente von der schweren Kindheit, der Geldgier der Familien und den wohltätigen Absichten von Michael. Das Bild, was ich sah, war ein fragiler kränklicher Mann, der verwirrt gewesen sein muss. Nach dem Freispruch blieb für mich alles gleich.

Dann das nächste Idol, Oscar Pistorius, wegen Mordes angeklagt. Ich kannte ihn aus einem Radiointerview, bevor ich ihn bei den Paralympischen und Olympischen Spielen laufen sah. Er wirkte sehr sympathisch und hat eine liebliche Stimme. Nicht wie ein narzisstisches Ungeheuer, wie er später in der Berichterstattung dargestellt wurde. Dann war da diese unwirkliche Szene im Gerichtssaal. Der Rundgang auf seinen Stumpen. Was für eine peinliche Inszenierung vor den Kameras. Zunächst hielt ich es für erniedrigend und dachte, man hätte dies hinter verschlossener Tür machen können. Als er jedoch auf seinen Stumpen vor der Jury stehen blieb und sie mit Dackelaugen anblickte, verlor ich die Restzweifel. Seine Geschichte vom Einbrecher klang nur für eine kurze Zeit plausibel. Am Ende wurde er schuldig gesprochen. Seitdem nur noch Scham, meine Scham!  Ich persönlich schäme mich, wenn ich seinen Namen höre oder sein Bild sehe. Eine Hoffnung, die ging. Es ging munter weiter mit den Idolen. Bill Cosby, eine Legende unter den Komikern und legendärer Pädagoge, der auf manchmal unnette Art versuchte, den Schwarzen in den USA eine Hilfe zu sein. Ich habe seine Serie „Die Bill Cosby Show“ geliebt. Er stellt sich dort als liebevoller Familienvater und Gynäkologe dar. Ein wenig ironisch nach den Vergewaltigungsanschuldigen von mehr als 30 Frauen.

Michael Jackson Gericht Oscar Pistorius Gericht
v.l.n.r.: Michael Jackson geht mit seiner Familie zum Gerichtsgebäude. Er wird 2003 erneut wegen Kindesmissbrauch angeklagt. Paralympik-Star Oscar Pistorius („Blade Runner„) verlässt das Gericht in Begleitung der Polizei. Das Gericht spricht ihn 2014 schuldig am Tod seiner Freundin.

Dann kam Harvey Weinstein. Die Person, die ich nur vom Hören kannte. Es gab täglich mehr Meldungen. Wie bei Cosby fragte ich mich dann, warum die Frauen nicht früher mit der Sprache herausrückten? Zwar hatte ich auch von früheren Anzeigen gelesen, so auch bei Cosby, aber die Anzahl an Frauen, die sich spät meldeten, machten mich skeptisch. Und das, obwohl ich selbst diese Erfahrungen gemacht habe… Auf Youtube verfolgte ich den Fall wie ich es bei „taff“ und anderen Boulevardsendungen gemacht hatte. Ich stecke voll drin in der Sensationslust, schaute sogar die furchtbare „Wendy Williams„-Show. Am Ende war es Seth MacFarlane („Family Guy„, „American Dad„), bei dem mir ein Licht aufging. Bei so gut wie allem waren „Family Guy“ oder „Die Simpsons“ vorbereitet gewesen. Es ist unheimlich. Angeblich lief einer der Charaktere in „Family Guy“ nackt durch ein Gebäude, um vor Kevin Spacey zu fliehen. Das war 2005! Seth MacFarlane deutete 2013 ebenso öffentlich den Weinstein-Skandal an. Nun wurde mir klar, es kann jeden treffen. Siehe Kevin Spacey. Und warum nur Schauspieler? Es gibt doch so viele Berufe.

 

Extrakapitel Manga und Japan

Kenshin Cover
„Kenshin“ | © Wikipedia

Da lese ich also im Internet, dass der Autor von „Rurouni Kenshin„, Nobuhiro Watsuki,  in einen Kinderpornoskandal verwickelt ist. Warum, warum?! Laut den Meldungen besaß er Videos von Jugendlichen. Nicht pädophil, aber trotzdem strafbar. Kind bleibt Kind. Das Strafmaß sei ein Jahr auf Bewährung und eine Geldstrafe. Vielleicht sind die Videos anders als erwartet. In einer Doku über Japans Sexindustrie zeigte man Eltern, die ihre teils 13-jährigen Töchter als Idol (oder Aidoru) arbeiten lassen. Ein Idol ist meist weiblich, arbeitet als Entertainer und ist wunderschön. Sie ist nahbar und freundlich. Manche Idols sind Models, auch erotische Models. Genau, es ging um diese Art von Models. Mit 13 Jahren unfassbar!

Ich möchte Japan nicht schlecht reden. Mir ist auch klar, dass ich mich vermutlich (wieder) bei den Mangafans unbeliebt machen werde, aber… Manche Dinge sind für mich nicht nachvollziehbar. Kultur hin oder her. Es gibt ein Tabu, bei dem ich mich mit meiner Einstellung manchmal in der Minderheit fühlte. Kinder und Erotik. Vielleicht traf ich immer auf die falschen Leute oder hörte nur von den schlechten Dingen. Zu meiner Überraschung erfuhr ich vor einigen Jahren von den Genres Lolicon und Shotacon. Vor allem über die Geschichte der deutschen Mangaka Fahr Sindram („Losing Neverland„, „Cave Canem„), die sich gegen Kinderpornographie im Manga einsetzte. Die Fans dieser Genres verteidigen die Geschichten und ahmen fleißig nach. Im Übrigen sind die lautesten unter ihnen weiblich. Ein paar Jahre gingen ins Land und ausgerechnet der Anime „Boku no Pico“ (Katsuyoshi Yatabe), ein Anime um sexuelle Beziehungen zwischen kindlich aussehenden Charakteren, wurde im Internet eine populäre Mutprobe.

Marie Sann Schild Oscar Pistorius Gericht
Links: Künstlerin Marie Sann („Worlds across„, „Krähen„) hält das „No Child Porn“-Schild der Kampagne von ihrer Kollegin Fahr Sindram. Rechts: Fahr Sindram im Interview (2011).

Es ist ein alter Hut!“, würden manche sagen. „Da wird getrollt!„, heißt es. Diese Moé-Bewegung bringt aber wieder einiges hervor, was in den 00ern hätte aussterben sollen. Natürlich kenne ich das Dilemma auch. Ein Manga, dessen verfrühtes Ende ich bedauere, war „Yami no Matsuei„. Eine Geschichte, die eine Liebe zwischen einem 26-jährigen Mann und einem 16-jährigen Jungen andeutet. In „Sailor Moon“ verlieben sich Mittelschülerinnen in erwachsene Männer und kommen mit ihnen zusammen. In „Kizuna“ verliebt sich ein Oberschüler in den Bodyguard seines Vaters und beginnt eine Affäre mit ihm. Es ist jedoch etwas anderes, wenn ein kindlich aussehender Charakter zum Vergnügen der Zuschauer vergewaltigt wird wie in „Boku no Pico„.

Der Altersunterschied zwischen homosexuellen Paaren ist eine Sache, die in vielen Medien aufgegriffen wird. Im „Hagakure“ (Yamamoto Tsunetomo), einem Klassiker der Samuraizeit, wurde Soldaten empfohlen, ihre Schüler auch sexuell zu unterweisen. Diese Praxis ist hier bereits im antiken Griechenland bekannt gewesen. So unschuldig die Absichten klangen, bleibt es Missbrauch eines Schutzbefohlenen. Eines Tages war ich entsetzt, als eine Freundin mir einen Manga auslieh, bei dem ein älterer Geschäftsmann eine Affäre mit einem 15-jährigen Jungen hatte. Ich kann mich nicht an den Titel erinnern, es ist aber alt und hat einen nicht ganz so schönen Zeichenstil. Als ich meine Freundin dazu befragte, sagte sie: „Mein Gott. Na und?„. Nein, danke.

Sexualität ist in Japan ein Thema für sich. So auch Mobbing. Mein Eindruck ist, solange alles witzig und niedlich verpackt ist, kommt man mit allem durch. Nur wenige Manga oder Filme wie „Vitamin“ (Keiko Suenobu) oder „Battle Royale“ (Kinji Fukasaku) haben den Mut, die hässliche Seite zu zeigen. Es muss nicht wie „Degrassi High“ oder „Amanda & Betsy“ sein, wo jedes „schwierige Teenagerthema“ besprochen wird. Selbst skandalöse Geschichten innerhalb der Geschichten wie bei „Imadoki“ (Yuu Watase), wo eine Schülerin schwanger ist, sind selten. Meist ist angehaucht vom Mobbing und Außenseitertum die Rede. Vielleicht aus der angeblichen Tradition heraus, keine schlechten Dinge anzusprechen.

 

Zerreißen in der Öffentlichkeit

Ich kenne so gut wie alle Skandale der westlichen Welt seit gut 1999. Nach der Schule schaute ich „taff“ oder „RTL Explosiv„. In der einen oder anderen „BRAVO“ stand auch etwas. Auch wenn ich emotional heute noch gelassener darauf reagiere als damals: Der Konsum dieser Skandale bzw. die Sensationslust ist auch in mir nicht tot zu kriegen. Kaum ist das eine vorbei, kommt das nächste.

Vor ein paar Tagen stand Lena Dunham, eine Schauspielerin und Feministin, im Fokus. Dunham stellte sich auf die Seite einer ihrer Kollegen, der eine Minderjährige vergewaltigt haben soll. Ihre Kollegin beendete daraufhin die Arbeit mit ihr und teilte der Welt außerdem mit, dass Dunham auch noch rassistisch sei. Nicht zu vergessen sind die Schilderungen zu Vorfällen mit ihrer Schwester, bei denen sie ihre kleine Schwester sexuell missbraucht haben könnte. Twitter und andere Plattformen meldeten sich stets zu Wort, wenn es um Dunham ging. Meist kam eine Entschuldigung über die besagten Kanäle zurück. „Ich entschuldige mich…“ ist der Standard.

Ihr Fall macht mich auf zwei andere Dinge aufmerksam. Zum einen, dass trotz männlicher Opfer wie Terry Crews, die oft auch noch verhöhnt und ausgelacht werden, immer die Frauen als Opfer genannt werden. So hieß es die letzten Tage immer wieder, man müsse die Frauen schützen, die Frauen seien zur Passivität erzogen worden und Frauen täten sich gegen die Ungerechtigkeit zusammen. Frauen sind wie gesagt, nicht die einzigen Opfer. Und wie der Fall Dunham zeigt, können sie auch Täter sein. Nicht selten auf der Chefetage…

Das andere ist eine neue Netzkultur, die manche als Social Justice Warriors bezeichnen. In diese politisch korrekte Ecke kann ich vermutlich auch gesteckt werden. Ich nehme gerne auf die Gefühle anderer Rücksicht, auch wenn es in meinem Blog manchmal anders herüber kommt. Mir ist es nicht zu anstrengend, wenn ein Mann als „sie“ bezeichnet werden möchte oder das „Up Syndrom“ das „Down Syndrom“ verdrängt. Wovor ich jedoch warne ist die Haltung, man würde es besser oder anders machen! Oder das Attackieren ohne Gegenvorschläge. Auch dieses penible Kategorisieren nach Sexismus, Rassismus, Homophobie, Transphobie, Abelism, Lookism, Fat Shaming, Slut Shaming etc. ist eine Warnung wert. Viele dieser Anschuldigungen der letzten Tage sind nicht nicht problematisch. Eine Meldung wie 2013 bei #aufschrei um Rainer Brüderles Äußerungen („Sie könnten ein Dirndl auch ausfüllen.“) sollte aber nicht auf einer Stufe stehen mit Meldungen zum unsittlichen Berühren oder gar Vergewaltigungen. Genauso muss akzeptiert werden, dass Anschuldigungen zunächst nur Anschuldigungen sind! Doch die „Rape Culture“ ist bereits ausgerufen worden.

Wer sich heute nicht eindeutig positioniert oder sich aus allem heraushält, könnte morgen schon vom Fenster sein. Es sind so viele Meldungen in den letzten Tagen zu Missbrauchsvorwürfen, dass ich mich teils innerlich leer fühle. Die gleiche Leere spüre ich, wenn im Nahen Osten wieder eine Bombe hochgeht. Manche Skandale sind privater Natur wie Hulk Hogans Sex Video, David Hasselhoffs Video mit dem Hamburger oder Tiger Woods Affären. Es könnte mich nicht weniger interessieren und es sollte auch nicht! Firlefanz wie dieser trug zum Tod von Prinzessin Diana bei. Angst macht mir nur, dass heute jeder auf Plattformen wie Twitter eine Stellungnahme und eine Widergutmachung fordern kann. Wer glaubt, dass dies kein Gewicht habe, wird seelig. Noch schwieriger ist, dass jederzeit von uns selbst eine Tonaufnahme, ein Video oder Foto im Netz landen kann. Wo soll das noch hinführen?

Macht den Fernseher aus…
a|fiction|esse

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