Wie lang sind 5 Minuten wirklich?

oder

Warum ich nicht kürzen mag…

Kurz und knapp war eigentlich immer etwas für mich. Ich habe in der Schule zwar häufig länger gebraucht, wurde aber schnell ein Anhänger von knappen Stichpunkten. An der Uni hieß es plötzlich, Ein-Wort-Stichpunkte seien ein No-No! Da kam von mir nur ein: „Echt? Mist!“.

Anders ist es beim Bloggen oder den Kurzgeschichten. Ich bin vermutlich vom Schlag J. R. R. Tolkien. Wenn es nach mir ginge und ich etwas eloquenter wäre, gäbe es bei mir Beschreibungen zu jeder Handbewegung, Grimasse und Ähms aus meiner Umgebung. Dann wäre es nicht nur „Sailor Moon, die Review„, sondern „Sailor Moon, Review zum Opening (Teil 1)“ usw.

Kürze ist etwas, was auf Youtube eine lange Entwicklung hat. Ich habe gehört, dass viele bekannte Youtuber versuchen, ihre Videos entlang der 10 min-Grenze zu hangeln. Heute sind es vor allem Vlogs.

Beim Kanal von Zeo beschreibt dieser in der Videoreihe „How to be…“ kurz und knapp Eigenheiten anderer Youtuber. Er erklärt mit den Videoausschnitten der anderen, wie deren Kanäle funktionieren. Irgendwas zwischen Ranking und Yt-„Comedy“ in 5 min.

© „How to be Coldmirror“ von Zeo auf Youtube, 28.05.2016

Viele Videos auf Yt wurden mit den Jahren augenscheinlich kürzer. Außerdem gab es immer weniger ungeschnittene Videos und mehr Gesichter vor der Kamera. Qualität hin oder her, Yt spiegelt nur wider, was in unserer Welt typisch ist. Ja, inklusive Let’s Plays, Fetischvideos und Yt-„Kacke“. Schauen und lesen sind unterschiedlich. Was ich von Kanälen wie Zeo trotzdem nicht übernehmen möchte, ist die Länge. Es muss nicht eine Stunde sein wie bei RBTV oder diversen Alttubern.

Ich habe gut reden. Lese ich doch Nachrichtenüberschriften und kaum die gesamten Berichte. Der Trend zu kurz und knapp bedeutet aber für mich, dass wir den Respekt vor der Zeit verlieren. Nachdem wir als Kinder lernen mussten, Langweile zu akzeptieren. Überall sehe ich Listen, Links, riesige Vorschaubilder oder Bewertungsicons, um jedem die Zeit abzukürzen. Wenn wir versuchen, die Zeit zu sparen, fehlt sie am Ende doch irgendwo. Meine Oma sah zum ersten Mal einen Geschirrspüler und Trockner. Als meine Mutter sagte, dass sie kaum Zeit habe, fragte meine Oma: „Ihr schafft euch so etwas an und habt trotzdem keine Zeit?“.

Dabei ist die Kürze normal. Nachrichtenmeldungen und Sketche arbeiten so. Es gibt sehr kurze Filme. Der Yt-Kanal bref. (frz. kurz) spielt damit und hinterlässt Verwirrung. Mit Absicht natürlich. Wissenschaft gibt es auch als Minutenformate. Die Yt-Kanäle Minutephysics oder AsapScience folgen diesem Konzept und liegen in den Videos manchmal sogar unter 3 min.

Wenn ich über einen Manga oder eine Serie schreibe, möchte ich mich darauf einlassen. An erster Stelle macht es mir Spaß, zu analysieren. Ich verliere mich oft in Details, aber hier habe ich die Möglichkeit, die ich in der Schule, an der Uni und im Job nicht habe.  Die Freiheit, so lange in Details zu versinken, gibt mir erst Lebensqualität.

Zweitens zeigen lange Ausführungen beim Schreiben nur die Zeit, die ich tatsächlich für diese Medien investieren musste. Wenn ich eine Serie mit mehr als 30 Folgen in sieben Sätzen zusammenfasse, wirkt es auf mich, als sei das ein kurzer Spaß gewesen. War es aber nicht. Ich habe mich hingesetzt, bestmöglich meine Aufmerksamkeit ausgerichtet und es mir komplett angesehen, ohne nebenbei ans Süßigkeitenfach zu gehen. Es bedeutet auch, dass ich mehr Einzelheiten kennen sollte als Personen, die die Serie nicht oder nur bis zur zweiten Folge gesehen haben.

Mit den Jahren kann man vieles leichter auf den Punkt bringen. Wenn meine Eltern den Anfang eines Films sehen, Gerüchte über die Nachbarn hören oder man den Namen eines Präsidenten nennt, sagen sie im Prinzip: „Alles klar.“. Ein Trick des menschlichen Gehirns. Kapiert haben wir noch lange nichts, wenn uns etwas in Kurzform geschildert wird. Nach 5 min werde ich auch über Coldmirror und ihrem Stil kaum etwas wissen, selbst wenn Zeo die markantesten Videos und Punkte einbringt.

Außerdem glaube ich, dass wir zu schnell von A zu B springen, sobald wir uns nicht mehr mit A beschäftigen. Das hängt von vielem ab, aber leben wir so konzentriert und aufmerksam wie vor 20 Jahren? Wir können in dieser einen Sache aufgehen, uns zum Beispiel unter Videos oder Artikeln Kommentare durchlesen oder weiteren Links zum Thema folgen. Vielleicht entspannen wir dadurch sogar.

Warum sich ewig mit einer Sache aufhalten, wenn es kürzer geht und dann etwas neues kommt? Wahrscheinlich, weil es Spaß bringen kann, bei der einen Sache zu bleiben. Vorurteile überwinden, sich selbst anstrengen, neue Gedanken aufschnappen, inspiriert werden.

Wie lang 5 min sein können, hängt vom Inhalt ab. Sind es lustige 5 min oder dröge 5 min? Vielleicht ist es der Anfang einer Faszination, mit der wir uns 70 Jahre lang beschäftigen werden.  Dazu bräuchte ich aber einen Aufhänger. Fragt sich also: Wie lang sind 5 min wirklich?

Es verweilt…
a|fiction|esse

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2 Gedanken zu “Wie lang sind 5 Minuten wirklich?

  1. Das Beispiel deiner Oma wahr sehr prägnant. Und die Erinnerung an Langeweile in der Kindheit. Gott, so etwas habe ich schon lange nicht gespürt. Ich müsste mich wohl für einen ganzen Tag in einen völlig leeren Raum sperren, um dieses Gefühl erneut zu erleben…

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