Wie ich beim Chatten meine Daten weitergab… [Medienbio #8]

Bestimmt gibt es den einen oder die andere unter euch, die ich vielleicht auf ICQ getroffen habe. Für die meisten ist Chatten eine seltsame Zeitverschwendung. Ich habe anfangs das gleiche gedacht. Am Ende war es vielfältig einsetzbar. Zum Englisch lernen, Brieffreunde finden und sogar Nachrichten lesen.

Der erste Eindruck

Über einen Arbeitskollegen meiner Mutter bekamen wir ein Einwahlmodem für das Internet. Es lief langsam. Sobald wir online waren, lief die Uhr mit, denn wir zahlten Internet pro Minute. Damals habe ich „Jumpin’ Jack Flash“ (1986) mit Whoopi Goldberg gesehen und dachte, genau so funktioniert das Internet. Das war auch das erste Mal, als ich von einem Chat erfuhr. Ich dachte immer, da hört man Stimmen oder hat Avatare. Bis heute hätte ich gerne einen Avatar-Chat ausprobiert. Heute sind Chats wahrscheinlich nur noch bekannt für Partnersuchen im Ausland oder Jugendliche, die man früher auf Knuddels und heute auf Whatts App vermutet.

Szene aus ‚Jumpin‘ Jack Flash‘: Terry (rot) chattet mit jemand Unbekannten (blau). | © Blog der University of Memphis

Meine Freundinnen hatten schon lange vorher Internet, im Kinderzimmer. Mit 14 übernachtete ich bei einer Freundin zu ihrem Geburtstag. In dieser Nacht chattete ich zum ersten Mal. Die Idee war nicht attraktiv. Mit Fremden im Internet reden. Theoretisch vielleicht interessant, aber die Umsetzung… Meine Freundin erzählte mir von den einzelnen Personen als wären es Leute aus dem Verein. Wir saßen zu sechst da und schauten ihr dabei zu. Es war langweilig und niveaulos. Das gleiche erlebte ich bei einem anderen Geburtstag, wieder 14 oder 15. Diesmal chatteten wir zu viert mit Mangafans, möglicherweise bei Animexx. Danach hatte ich genug.

Alles änderte sich, als ich Englisch in der Schule abwählte. Mit der Mission, mich selbst zu unterrichten, weil dieses Schulenglisch zum Kotzen war. Ich machte auch immer mehr Flüchtigkeitsfehler, sodass ich nur Dreien bekam. Mein Drang war auch, internationale Freunde zu finden. Ich ging mit 17 oder 18 in der Bibliothek chatten. Dazu nutzte ich den Nickname, also Spitznamen, den ich mir damals für meine Klassenkameradin ausgedacht hatte. Der Name gefiel ihr nicht: Sie guckte mich verwundert an und fragte, wie ich auf diese Idee kam. Der Name war von der Serie „Digimon“ inspiriert und ich fand ihn lustig. Wenn ich im Chat angesprochen wurde, kam häufig ein Wortwitz zu meinem Namen.

Typische Situationen in einem Chat

Ich war auf drei Chatseiten, wobei zwei Chats wie ICQ zu Foren bzw. Portalen gehörten. Anfangs suchte ich wegen dem Englisch direkt nach einem internationalen Chat. Den Namen des Chats habe ich vergessen, aber es gab dort hunderte von Nutzern. Irgendwann meldete ich mich auf ICQ an. Zunächst musste ich mich daran gewöhnen, dass mein Nickname eine Menge Typen anzog. Das war nicht nur ungewohnt, sondern anstrengend. Sobald ich längere Sätze tippte, wurde ich durch ein neues Fenster mit der Nachricht „Hi how are u?“ unterbrochen. Dann dachte ich mir nur: „beschäftigt!„.

Das Logo vom Portal ICQ (i seek you). Seit 1996 in Betrieb, meldeten sich über 40 Mio. Nutzer an. | © infoescola.com

Am schlimmsten waren die Nutzer, die gleich nach schmutzigen Sachen fragten. Bei „You have cam?“ oder „You have picture?“ wusste ich gleich bescheid. Noch direkter ging es natürlich auch: „Do you want cybersex?“. In dem Alter war das echt erschreckend. Online kann man Leute wenigstens wegklicken oder sperren. Die meisten fingen jedoch harmloser an, zum Beispiel mit dem Kürzel asl (age, sex, location). Wahrscheinlich nur, um das legale und gewünschte Alter abzuchecken. Rassismus war auch so eine Sache.  Sobald ich Deutschland angab, kamen manchmal Nazikommentare. Allerdings erst, wenn derjenige (meist halt Männer) nicht mit dem Gespräch vorankam. Meine Chatzeit war häufig Samstag vormittags, da ich in einer öffentlichen Einrichtung war. Zu dieser Zeit kamen viele Asiaten aus Indien, den Emiraten oder der Türkei. Als kleiner Mangafan suchte ich natürlich Japaner. Im ICQ-Chat #Japan wartete ich vergebens. Stattdessen wieder: „Nice. I’m from Mumbai.„. Im #Japan waren um diese Uhrzeit nie… oder generell keine Japaner. Manchmal ignorierte ich Anfragen. Dann kam gelegentlich die Frage: „You don’t like Turks?“. Auch eine Sache, die in echt merkwürdig wäre.

Man könnte meinen, es gebe keinen Zeitdruck. Die Leute wurden aber ungeduldig. Ich lernte übers Chatten das schnelle Tippen und parallele Lesen. Während im Hauptchat eines Kanals sehr witzige Dinge geschrieben wurden, las ich, was mir privat jemandem schrieb und wechselte zwischendurch in einen anderen Kanal, um nebenbei die Anfragen weiterer Nutzer zu filtern. Nebenbei merkte ich mir auch, mit wem ich bereits sprach und ob sich eine Unterhaltung lohnte. Manchmal ging es um die Schule. Manchmal ums Reisen. Im Hauptchat häufig auch um Filme, Serien, Politik und komische Neckereien. Ich lernte Internetsprache und Vokabeln aus aller Welt. Anstrengend aber spannend und sehr bildhaft, wenn jemand davon redet, wie er zu Weihnachten auf einer Treppe ausrutscht und dabei die Glocken läuten. Damit verbrachte ich manchmal mehrere Stunden.

Sympathische Leute kennen lernen

Das schwierige ist bei den Onlinegeschichten, seine Anonymität zu wahren. Sobald mich jemand nach meinem Namen fragte, antwortete ich mit dem Nickname. Dann kam zwar ein „come on„, aber ich blieb streng. Es geht ja keinen etwas an, auch wenn beim Chatten generell viel gelogen wird. Was macht man aber, wenn jemand sausympathisch ist? Ich hatte zwei, drei verpasste Gelegenheiten, wo ich jemanden gerne als Brieffreund gehabt hätte. Darunter war auch ein ungewöhnlicher Japaner, der gut in  Englisch war und von Schule nicht viel hielt. Man kann sich zum Chatten verabreden, aber das funktioniert in den seltensten Fällen.

Zu Beginn, mit Anfang 20, chattete ich mit Personen mindestens zehnmal, bevor sie mich überhaupt nach einer Emailadresse fragen durften. Im internationalen Chat hatte ich Kontakt zu drei Männern, aus Deutschland, Indien und den Niederlanden. Wir hatten anständige Gespräche und einen ähnlichen Humor. Ich fand sie nett und konnte sie mir als Brieffreunde vorstellen. Wenn überhaupt jemand, dann diese drei. Nach diesen zehn Malen oder wie oft auch immer, gab ich zweien meine Emailadresse. Bei dem einen zögerte ich trotzdem noch, gab sie aber trotzdem. Dieser hat übrigens bei seinem Alter gelogen… Mit ihm habe ich aber bis heute Kontakt. Die anderen beiden schrieben anfangs, aber nach drei Jahren nicht mehr. Durch ICQ habe ich noch heute eine Chinesin als Kontakt auf Facebook. Wir chatteten einmal, aber bei Chinesen war ich weniger zögerlich. Ironischerweise habe ich mit ihr am allerwenigsten Kontakt. Andere Kontakte begannen versprechend, brachen aber immer nach ein paar Monaten weg. Manchmal wegen Meinungsverschiedenheiten, habe ich das Gefühl. Oder doch Langeweile.

Es gab einen Finnen, den ich selbst nach seiner Emailadresse fragte. Das Gespräch lief so gut, dass ich das gleich nach dem ersten Mal machte. Wir schrieben uns sehr viele Emails. Irgendwann wurden es Briefe. Dann, wie ich vermute, ist er in ein anderes Land abgehauen. Ich erhielt noch eine Postkarte vom Flughafen mit dem Satz: „This will be a new journey. I write you as soon as I come back.“. Das war es dann. Sehr traurig fand ich auch den Kontaktabbruch zu einer weiteren Chinesein, die im Chat selbst völlig unbeeindruckt von ihrer Regierung war. Wir schrieben ohne Probleme viele Emails. Ich weiß nicht, ob hier meine Fantasie mit mir durchgeht. Als wir aber auf das Thema Politik kamen, wurden die Emails seltsam und irgendwann meldete sie sich nicht mehr. In China weiß man nie. Leute wie die beiden waren der Mitgrund, warum ich in Chats so viel Zeit verbrachte. Bei denen, die meine Emailadresse bekamen, hatte ich nie einen Griff ins Klo gemacht. Ich hatte immer das Gefühl, dort könnte ich auch hinfahren, ohne mir Sorgen machen zu müssen.

Unangenehme Situationen und das Ende

Zeitverschwendung gab es reichlich. Komische Leute auch. Gegen das Komisch sein an sich habe ich nichts, aber ich wurde einmal über Minuten in ein Gespräch gezogen von einer angeblich 15-jährigen aus den USA, die in ihrem Zimmer eingesperrt wird. Sie behauptete, dass ihre Eltern sie schlagen und sie nur zur Schule hinausdürfe. Ich war ernsthaft besorgt und ging Lösungsvorschläge durch. Parallel fragte mich jemand, warum ich so langsam auf ihn antwortete. Als ich ihm von der Nutzerin erzählte, da war ich noch sehr unerfahren im Chatten, machte er mich auf das Verhältnis zwischen Chatnutzern und den Lügen aufmerksam. Meine Mutter würde abstreiten, dass ich nicht naiv bin. Mir war aber klar, dass jeder im Internet etwas behaupten kann. Nur war ich bei der 15-jährigen echt gerührt. Im Hauptchat stellte sich heraus, dass sie bereits bekannt war und sie sich nicht helfen lässt.

Etwas ähnliches, aber scheinbar authentisch, war es in einem anderen Gespräch. Dort traf ich auf eine Deutsche, die sexuell missbraucht wurde und seitdem versuchte, im Alltag klar zu kommen. Sie erzählte ab und zu, wie sie heute manchmal ohnmächtig wird und wie Therapien nicht helfen. Die Pausen in den Unterhaltungen waren für mich unerträglich. Ich hatte immer Angst, ich hätte sie getriggert.

Einmal sprach ich privat mit einer anderen weiblichen Nutzerin. Sonst sind ja fast nur Kerle da. Sie kam aus Mexiko und war zur Abwechslung angenehm. Dann sagte sie, sie wolle ein Spiel spielen. Sie sagte ständig „Peng“ und fragte mich, wo ich getroffen wurde. Die ersten zwei Male machte ich irritiert mit. Ein bisschen kindlich, aber was soll’s. Irgendwann gab sie an, wo sie mich traf und es wurde sehr plötzlich sexuell. Da waren sie wieder, die Perversen! Ich fragte, warum sie das machte und sie entschuldigte sich. Dann brach ich den Kontakt ab. Unangenehm, für die anderen, war auch, wenn sie mir Begriffe wie teabagging (kein Tee) oder rs (kein Gesellschaftsspiel) nach einer Pause erklärten.

Es gibt online eine Menge Leute, die Aufmerksamkeit suchen. Unangenehm waren auch die, mit denen man privat chattete und sich „verkrachte“. Wenn dann im Hauptchat etwas behauptet wird. Einmal erzählte jemand, ich sei ein alter Mann, der sich als 13-jähriges Mädchen ausgibt. Irgendwann fand ich das wieder lustig. Man muss echt aufpassen, mit wem man sich einlässt und was man preisgeben möchte. Wie gesagt, es ist anonym, aber ich mich fühlte trotzdem halbreal anwesend.

Als ich im ersten Semester studierte, hatte ich endlich eine Flatrate. Der Anfang vom Ende… Ich verabschiedete mich von sehr vielen Internetseiten, auf denen ich früher war, auch vom Chatten. Zwar chattete ich später mal, aber das war in einem anderen Kontext. Mit etwa Mitte 20 chattete ich zum letzten Mal, ICQ wurde seitdem nicht mehr, was es war. Vor kurzem hatte ich wieder Lust aufs Chatten und ging auf ICQ. Es ist fast niemand mehr da. Ein loyaler Kern aus Alt- und Neunutzern ist geblieben. Ich hatte mich gut amüsiert und überlege, ob ich nicht wieder regelmäßiger hingehe. Zwar sage ich mir, das echte Leben findet offline statt, aber manchmal ist diese Anonymität ganz angenehm. Wenn es einem nicht passt, kann man mit einem Klick alles beenden.

Schon ein bisschen nostalgisch…
a|fiction|esse

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