Miss Hokusai (2016) – Malen und Managen in der Edo-Zeit

Japans großer Künstler hatte eine Tochter: „Miss Hokusai“

Sailor Moon Pose O-Ei beobachtet ihren Vater bei der Arbeit.| © Tokyo International Film Festival 2015

Etwas Kultur muss sein“, dachten sich vielleicht die Macher dieser Geschichte. Warum auch nicht?! Immerhin geht es um einen der nicht nur bekanntesten Künstler Japans, Katsushika Hokusai, sondern auch einen, der den Begriff Manga in seinem Land bekannt machte. Die Ehre gebührt hier aber dessen Tochter O-Ei, einer Künstlerin. Sie nimmt jeden mit auf die Reise ins alte Tokio, wo die berühmten Werke ihres Vaters und von ihr selbst entstanden. Seit 2015 ist die Mangaadaption von Keiichi Hara zu sehen, in Deutschland ist er seit diesem Sommer im Kino.

Der Film enthält: eine Künstlerbude, eine unscheinbare Frau, Meisterschüler, Laster des alten Tokios, Auftragsarbeiten, eine vergessene Schwester, mystische Kreaturen, Papierkügelchen

Alles auf Anfang: Sugiura, Edo und die Katsushikas

Die Historikerin Hinako Sugiura (1958-2005) studierte besonders gerne die Ära, als Edo (Tokio) Japans Hauptstadt wurde und in Japan endlich Frieden herrschte. In der Zeit, als die Samurai an der Macht waren und die Gesellschaft nach sehr strengen Ständeregeln aufgeteilt war, spielt ihr Manga „Sarusuberi Miss Hokusai“ (1983-87). Der Titel bezieht sich auf den Baum, der während der Sommerzeit rosa Blüten trägt und auch auf dem Plakat des Anime zu sehen ist. Sugiura lernte viel über die Zeit im Studium, das sie aber nie beendete und beim Autor Shisei Inagaki. Die Manga-Arbeit begann aber als Assistentin unter der feministischen Mangakünstlerin Murasaki Yamada. Dem Studium der Edo-Zeit blieb sie treu. Sie verabschiedete sich im Jahr 1993 wieder aus der Mangaindustrie, um ihren Forschungen nachzugehen. Bis sie 2005 an Krebs verstarb.

Ihr Zeichenstil ähnelt dem Ukiyo-e, einem populären Stil der Edo-Zeit. Charakteristisch sind zum Beispiel die schmalen, länglichen Augen, anders als in den meisten Manga. Ukiyo-e (jap. Bilder der fließenden Welt) ist bekannt für Farbholzschnitte und Gemälde zu gesellschaftlichen Themen in den großen Städten. Ein bekannter Künstler dieses Genres war Katsushika Hokusai (1760–1849). Zu seinen Werken gehörten auch die sogenannten Hokusai Manga, in denen er Alltagsszenen Tokios einfing und sehr lebhaft wiedergab. Sein Werk verlor gegen Lebensende an Bedeutung, beeinflusste jedoch einige europäische Künstler wie Vincent van Gogh.

Über eine seiner Tochter, Katsushika O-Ei (1800-1866), ist nicht viel bekannt. Sie soll eine sehr talentierte Künstlerin gewesen sein. Der Legende nach habe Hokusai bemerkt, dass ihre Portraits besser seien als seine. Außerdem soll sie gelegentlich auf schlechte Zeichnungen herabgeschaut haben und soll allgemein etwas exzentrisch gewesen sein. Dass sie ihren Vater auch in dessen Schaffen unterstützt hat, wurde wenig behandelt. Als Hokusai starb, lebte sie abgeschottet als Nonne. Doch einige ihrer Werke wurden berühmt.

 

Handlung. 1814 leben und arbeiten in Tokio der eigenwillige Künstler Tetsuzo (Hokusai) und dessen nicht minder begabte und ungewöhnliche Tochter O-Ei zusammen. Täglich unterstützt O-Ei ihren Vater bei der Arbeit und muss gelegentlich für ihn einspringen. Tetsuzos Schüler Genjiro hingegen verbringt manchmal mehr Zeit damit, seinen Lehrmeister in Tokio herumzuführen und Lokale auszutesten. O-Ei ist nicht gerade pflichtbewusst, hält aber ohne Anerkennung einzufordern den Laden zusammen. Doch als einzige Frau in der Runde fällt ihr das nicht leicht. Zumal sie unverheiratet ist. Ein bisschen Erholung findet sie, wenn sie mit ihrer blinden kleinen Halbschwester O-Nao die Welt erkundet. (FSK: 6)

Der Manga ist in Deutschland nie veröffentlicht worden. Der Anime hingegen wird seit 2016 von Kazé vertrieben. Die Regie führte Keiichi Hara (u.a. „Doraemon„, „Crayon Shin-Chan„, „Ein Sommer mit Coo„). Mitverantwortlich ist das Studio I.G (u.a. „Ghost in the Shell„, „XxX Holic„, „Psycho Pass„, die Animation zu O-Ren in „Kill Bill Vol. 1„).

Warum „Miss Hokusai“ so speziell ist

O-Ei ist zunächst unscheinbar. Ihre Augen und die dicken Brauen bleiben meist ohne Regung. Gerne sitzt sie da und rauft Pfeife. Erst durch ihre Taten fällt sie auf. O-Ei ist eine erwachsene Frau, die zu ihrem Vater ein gutes Verhältnis hat. Die beiden verstehen sich und lernen von einander. Hokusai, der auch erotische Kunst herstellte, überlässt ihr aber auch diesen Teil der Arbeit. Obwohl sie selbst noch Jungfrau ist, kopiert sie den Stil für ihren Vater, fliegt aber bei der Darstellung der Männer auf. Sie übernimmt ungefragt und ohne Anerkennung einzufordern so einiges. Ob sie selbst glücklich ist, bleibt jedoch eine andere Frage. Ihre Fürsorge für die Familie ist typisch für das damalige Frauenbild. Gleichzeitig wird aber deutlich, dass sie die Pflichten des Vaters übernahm und eben nicht ersetzbar war.

Ihre Ungeduld rettet sie und die Familie häufig. Sie zeichnet ein Bild zu Ende, weil das Geld sonst wieder knapp wird. Sie lässt es sich nicht nehmen, ihren Vater unter Druck zu setzen, der sich immer wieder davon schleicht, die kränkliche Schwester O-Nao zu besuchen. Sie besucht einen Puff, um ihre Jungfräulichkeit zu verlieren. Außerdem kann sie einfach nicht widerstehen, sich ein brennendes Haus anzusehen. Während Frauen in der Edo-Zeit keinen Besitz und kein Erbe nehmen durften und zuerst dem Vater und dann dem Ehemann gehorchen mussten, nimmt sich O-Ei das Recht heraus, alles zu managen. Im echten Leben soll O-Ei Kunsthandwerke verkauft und das Geld gespart haben. Anders als in echt wird sie im Film aber insgesamt stoischer dargestellt.

       Ein Blick ins Atelier von Testuzo.  O-Ei und ihre kleine Schwester auf dem Schiff.
O-Eis Verantwortung sucht sie sich selbst. Doch merkt sie nicht, dass sie die Rolle der Ehefrau und Mutter einnimmt. | © electric-shadows.com, Google Plus

Die Künstler sind viel im alten Tokio unterwegs. Man sieht berühmte Brücken, die Märkte, das Meer, das Rotlichtviertel und natürlich den Berg Fuji. O-Ei kennt die mittlerweile populären Bilder ihres Vaters. Sie begleitet die Entstehung der Werke und zeigt Stellen und Personen, die für die Werke Modell standen. So nimmt sie ihre Schwester zu einer Bootstour mit, wo die Inspiration für „Die große Welle vor Kanagawa“ entstanden sein muss.

Künstlerische Machart

Zeichenstil im Manga: Originalwerke vermengen sich mit dem klassisch gehaltenen Mangazeichenstil. | © eastasia.fr

Der Zeichenstil im Anime erinnert stark an Studio Ghibli. Interessanterweise soll O-Ei ein großes Kinn gehabt haben, dass ihr einen Spitznamen einbrachte. Im Manga und Anime ist davon nichts zu sehen. Lediglich die Augenbrauen sind im Anime überzeichnet.

Die Geschichte verläuft ohne Höhepunkt. Der Manga basiert auf Episoden und so spielt der Film über eine Zeitspanne von etwa einem Jahr zu verschiedenen Gelegenheiten. Es gibt kein echtes Ende. Wer also etwas besonderes erwartet, wird hier eventuell enttäuscht.

Wie im Manga sind Originalwerke Hokusais zu sehen. Die Bilder werden auf verschiedenste Art eingeführt und originalgetreu abgebildet als wäre man im Museum. Um einzelne Gemälde und Zeichnungen bauen sich mythische Geschichten auf, bei denen im Film plötzlich ein Geist und ein Drache erscheinen, ohne dass sich jemand wundert.

Meinung und Fazit: Dieser Anime ist wie die Protagonistin auf den Blick ohne Spannung. Eine „richtige“ Geschichte gibt es nicht. Die Bilder entfalten sich aber nach und nach. Für Kunstliebhaber ist dieser Film sowieso interessant. Fragt sich, was er für andere tun kann. Die mythischen Elemente kommen ohne Vorwarnung und werden behandelt als wäre es normal, was mich persönlich etwas verwundert hat. Denn immerhin ist es kein Fantasyfilm. Allzu viel kann man aus meiner Sicht nicht erwarten. Dazu müsste man sich vermutlich auch mehr mit der Geschichte und Symbolik der damaligen Ära auskennen. Es gibt ein paar Stellen zum Schmunzeln, viele schöne Bilder der Ukiyo-e-Kunst und einen angenehmen Soundtrack. Auf der anderen Seite ist Reduktion eine Kunst, die für asiatische Filme recht typisch ist. So hätte man O-Ei auch wie eine Furie aussehen lassen können, hat sich aber für die unemotionale Seite entschieden. Trotzdem ist der Film aufgrund der Bedeutung der Protagonisten empfehlenswert.

Für wen? (bzgl. Anime) Wenn du unaufgeregte Animes magst oder dich für Kunst interessierst. Trotz der niedrigen Altersfreigabe ist der Film nicht für Kinder geeignet.

Manga oder Anime? Leider kenne ich den Manga nicht. Er sieht jedoch rein visuell vielversprechend aus. Da es sich um einen Episoden-Manga handelt, ist hier ebenso wenig mit einem Höhepunkt zu rechnen. Beides erscheint empfehlenswert.

 

Otaku StoffTokyo 2020
Sängerin des Haupttitels „Saihatega Mitai“ vom Soundtrack ist Sheena Ringo. Das Lied schrieb sie ursprünglich für die Sängerin Sayuri Ishikawa, die schon für den Anime „Lupin III“ Musik machte. Neben diesem und weiteren Projekten, war Sheena Ringo eine der Musiker für die Übergabe der Olympischen Spiele an Japan während der Abschlussfeier in Rio 2016.Ringos Lieblingsmangaka ist der Yonkoma-Künstler Sensha Yoshida (u.a. „Utsurun Desu„).
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2 Gedanken zu “Miss Hokusai (2016) – Malen und Managen in der Edo-Zeit

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