Kulturschocks

Es ist nicht leicht. Es ist nicht leicht. Wo der Sommer da ist, steht meine Urlaubsplanung noch aus. Ich verreise seit meiner Kindheit für Berliner Verhältnisse häufig und habe es lange nicht mehr getan. Umweltförderlich wären Reiseziele in die Umgebung. Brandenburg, Sachsen und Meck’Pomm sind eigentlich janz schön, wa? Ja gut, ich mag sogar Sachsen-Anhalt, wahrscheinlich mehr als die Anhaltiner.

Meine Sehnsucht nach China wird aber immer größer. Gerade wegen meiner langen Pause vom Chinesischunterricht. Im Moment verstehe ich nach mehr als zwei Jahren Unterricht nur einzelne Wörter. Es ist vor allem das Klima und die Freiheit, die ich beim Spazieren empfinde. Hier sind meine Wandertrips beschränkt, es gibt präzise Routen und irgendwann bin ich wieder zu Hause. Erholung auf Zeit sozusagen. Längere Urlaube wären eine Lösung. Für einen „Öko“ ist das Fliegen moralisch schwierig. Ich liebe es, meinen ersten Flug hatte ich mit einem Jahr. Durch die Familie ging es nicht anders. Seitdem ich klein war, lerne ich gerne Fremdsprachen. Auch wenn Berlin international ist, kann ich die Sprachen hier leider nicht immer effektiv üben. Das warme Klima ist ein weiterer Aspekt, gesundheitlich geht es mir dann besser. Nicht zu vergessen sind Orte, die ihre Marktkultur erhalten haben. In Hangzhou, dem offiziell zweiten irdischen „Paradies“ Chinas, konnte ich nachts auf den Markt. Keine Ruhestörung, keine Standkontrollen, keine Abbauzeiten. Illegal war dort vielleicht einiges, aber der Markt ist als Touristenattraktion etabliert.

Was hält mich zurück? Geld, Planung, Reservierung und die Kultur. Warum die Kultur? Ich wurde bei meiner ersten Chinareise (Ostküste) nicht angestarrt, aber dafür für Fotos angehalten, belächelt und angeblökt. Je nach Aussehen und Ort, variiert das Verhalten der Leute gegenüber Ausländern. Mir war das aber oft zu viel und ich habe im Augenblick keine Geduld. Junge Chinesen fragen jedes Mal, warum ich Chinesisch lerne. Eine neutral gemeinte Frage, die man zum Beispiel auch von Japanern hört. Allerdings hinterlässt diese Frage bei mir ständig den Eindruck als wolle man eine Grenze aufziehen. Davon abgesehen, war ich vor der Reise auf einige Sitten vorbereitet und fühlte mich allgemein sehr wohl.

Viele Touristen glauben, sie kämen als Individuen. Ich glaube, mir fällt es schwerer in Länder zu reisen, die „exotischer“ sind, da ich mich als Ausländer auch als verantwortlichen Repräsentant fühle. Ich komme als Fremde, die eine eigene Kultur als Bündel mitbringt. Ein Bündel an Geld, Infos, Streit, Interesse, Faszination, was auch immer. In Shanghai riefen mir manche „America“ hinterher. Gut, passt von meinem Hintergrund eher nicht. Diese Leute würden aber zukünftig scheinbar alles mit US-Amerikanern verknüpfen, was ich tue. What you see is what you get, sozusagen. In anderen Ländern wird oft anders mit Ausländern verfahren, die ein Bündel an Ärger mitbringen. In China kann es sein, dass man als Ausländer selbst in Shanghai nicht in bestimmte Clubs kommt. Es gab Vorfälle zwischen männlichen Touristen und einheimischen Frauen, auf die die Leute als wütender Mob reagierten. Sicherheitsleute, die an jedem U-Bahnhof warten, haben auch ein Auge auf Ausländer und diejenigen, die in deren Umgebung sind. Zimperlich ist man in China nicht. Die Todesstrafe für Ausländer gibt es.

Dieses Bewusstsein habe ich in diesen „exotischen“ Ländern. Manchmal ist es hinderlich, so zu denken. Allerdings ist es doch genau das, was ich an der „Horizonterweiterung“ schätze. Als ich mit Austauschstudenten gearbeitet habe, war das Thema Kulturunterschiede und -schock oft dran. Viele meiner Mitbewohnerinnen kamen aus dem Ausland. Ich konnte die Kulturunterschiede hautnah miterleben. Am meisten verblüfft mich noch immer, wie spät Spanier essen können!

Wir „Westliche“ benehmen uns im Ausland oft genug unmöglich, während wir hier nach Toleranz und Anpassung rufen. Perspektivwechsel wären ein erster Schritt, den wir aber nicht tun, wenn wir uns aufregen. Es gab häufig Diskussionen über beispielsweise unsere chinesischen Mitbewohner. Grund war stets die Sauberkeit. Chinesische Studenten verbringen ihre meiste Zeit normalerweise mit Lernen und wurden dafür zu Hause oft von der Hausarbeit befreit. Wer reich ist, hat eine Haushaltshilfe in der Wohnung oder im Studentenwohnheim. Ansonsten wohnt man in der Regel mit vielen in einem Zimmer, ohne eigenem Bad oder Küche. Es brachte auch niemand eine Definition von „sauber“ in die Diskussion hinein. Das soll keine Entschuldigung sein, denn es ist etwas dran an den Vorwürfen. Stereotypen haben anders als Vorurteile einen Funken Wahrheit, aber mir geht der gelegentlich aufkommende Hochmut dabei auf den Zeiger.

Reisen Sie vorbereitet! Man muss nicht lesen, es gibt auch zahlreiche Dokus. Aber macht es halt! Ach ja, Bekannte allein sind keine gute Informationsquelle… Es kann nicht schaden, einzelne Wörter und Sätze zu lernen. An der Ecke meiner Straße sind viele Hotels. In der Mitte eine kleine Bäckerei mit hoher Fluktuation. Klienten der Bäckerei sind fast ausschließlich Touristen. Jedes Mal gibt es mindestens eine Gruppe, die weder Englisch noch Deutsch spricht. Die Verkäufer wiederum sprechen oft auch kein Englisch und man versucht unbeholfen mit Zeigen zu kommunizieren. Brot und Kuchen haben schwere Begriffe. Der Unterschied zu den Touristen an den anderen Ecken ist aber, dass manche der Touristen in der Bäckerei nicht einmal probieren, kompliziertere Bestellungen wie ein halbes Brötchen mit Käse und Tomate zu übersetzen. Sie sprechen dann zum Beispiel auf italienisch oder spanisch weiter. Der Verkäufer kann nur noch auf alles zeigen und geduldig warten, bis genickt wird. Diese Touristen sind in der Regel aus der EU, wohl gemerkt.

Wo wir gerade bei Gruppen sind. Der Garant für Entlastung aber mehr Unhöflichkeit. Laufen mit Leuten, die verloren in anderen Städten herumlaufen, toll. Die Wahrscheinlichkeit, dass man lauter, frecher und ungehobelter wird, steigt jedoch. Man beginnt, sich auf andere stärker zu verlassen und schwimmt irgendwie mit. Wenn einer anfängt, sich über die fremde Kultur aufzuregen, stimmen die anderen auch schnell ein…

Gerade, wenn ihr längere Aufenthalte plant, solltet ihr definitiv lernen, wie andere Völker ticken und was sie als unhöflich empfinden. Es mag zum Beispiel sein, dass in China die Geräusche beim Essen sehr locker aufgenommen werden. Dafür nimmt man die Rolle der Teilnehmenden ernst, vor allem die Position, die man als Gast bekommt. Noch vor den Ältesten. Einmal wollte ich zwei sehr junge Studentinnen zum Essen einladen. Ich habe es versucht. Man hat mir übers Lachen nach einer Minute klar gemacht, dass gefälligst ich eingeladen werde und nicht andersherum! Die arme Kellnerin war völlig konfus und ging erst, als ich aufgab. Gastgeschenke, auch so ein Thema. Auf der anderen Seite ist man darauf vorbereitet, dass die Touristen im Grunde nix wissen.

Ein Kulturschock wird in Phasen unterteilt. Diese Phasen hatte ich bei meiner ersten Chinareise alle durch. Selbst, als ich in einer WG nur mit Austauschstudenten wohnte. Manchen Menschen reichen auch die Nachrichten. Kulturen sind unterschiedlich, auch wenn es ums Denken geht. Vielleicht geht es nur mir so, dass in Deutschland diese Flexibilität und Lockerheit im kulturellen Denken fehlt. Es kann aber jedem passieren. Schließlich sind wir alle nur Menschen, korrekt?

völlig urlaubsreif…
a|fiction|esse

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