Wenn „pranken“ schon weh tut…

(Es geht ums aktuelle Video „Gay Prank an meinem Vater | Mert Matan“ auf Youtube (Yt). Zitate benutze ich nicht, auch wenn hier Anführungszeichen vorkommen. Guckt euch dazu seine zwei Videos und die Antworten anderer an!)

Ich hätte in der Vorbereitung gerne in Merts Kopf geschaut. Was waren wohl seine Gedanken? Wie man am schnellsten Geld macht? Gab es die Idee, etwas neues auszuprobieren? Oder irgendwas noch extremeres, um die Jugendlichen auf Yt zu beeindrucken? Schön, dass er mit seinem „Prank“ die Tour für viele versteckte Schwule vermasselt haben dürfte…

Eigentlich sind Streiche ein Zeitvertreib für Gelangweilte. Für Mert Matan, einem pubertierenden Youtuber, eine Geldquelle. Der hat mit einem Coming Out-„Prank“ seinen Vater so sehr auf die Palme gebracht, dass es sogar das Jugendamt interessieren dürfte. Dämlich wie er ist, hat er das Video in voller Länge hochgeladen und ein Erklärungsvideo nachgereicht, das selbst erklärungsbedürftig ist. Also, meint er jetzt, es gebe keine schwulen Türken oder dass man als Türke nicht schwul sein darf?

Yt ging dann ab wie Schmidts Katze. Sein Netzwerk (der Geldeintreiber) hat ihn sofort gekündigt. Falls ihr auf Yt aktiv seid, kennt ihr sicherlich auch Mr.Trashpack. Der hatte dazu sogar eine Meinung. Wahnsinn! Der Redebedarf scheint groß zu sein, was mich bei diesem Thema gefreut hat. Coming Outs, gerade unter Muslimen, sind immer noch ein fragwürdiges und schweres Ding. Ich brauche nirgendwo zu sagen, dass ich eine Hete bin. Warum gilt das nicht auch für Schwule und Lesben?

Was ist eigentlich homophob? Er und sein Vater hinterfragen das Wort „schwulenfeindlich“. Schön, man soll ja alles hinterfragen. Aber ich bezweifle, dass gerade sein erwachsener Vater verstanden hat, was Homophobie ist! Einstellungen zeigen sich nicht nur an Gefühlen und Gedanken, sondern auch an Handlungen. Den eigenen Sohn zu schlagen und ihm nicht zu glauben, wenn der sich als schwul outet, ist wohl eben genau das, was man als „schwulenfeindlich“ ansehen kann. „Ich prügle dich windelweich, weil du so nicht sein darfst!„, kein Zeichen von Akzeptanz, liebe Familie. Wow Mert, wie reagiert denn dein Vater erst, wenn du die Schule nicht schaffst?

Eigentlich bin ich ganz froh, dass Mert den „Gay Prank“ hochgeladen hat. Mert ist, glaube ich, zu jung, um das alles zu realisieren. Man sollte eher vom Vater enttäuscht sein. Baba hinterfrag mal deine Erziehungsmethoden! Im Erklärungsvideo sagen sie immerhin, man soll… ähm… Homosexuelle – so hieß es! – respektieren. Kurono, ein anderer pubertierender Youtuber, machte mit seinem Vater (der, vor laufender Kamera auch ausgeholt hat) eine Parodie. Kurono hat iranische Wurzeln, soweit ich weiß. Nun, es ist ein Signal. Dialog statt Gegenhass.

Ich lebe in einer der schwulenfreundlichsten Städte der Welt und in einem, na ja, schwulenfreundlichen Staat. Berlin hat außerdem die größte türkische Gemeinde außerhalb der Türkei. Für mich ist es seltsam, nicht mit Schwulen und Türken klarzukommen. Wie das kommt? Meine Eltern hatten zu beiden zumindest keine negativen Einstellungen gehabt. Einen Coming Out-„Prank“ zu machen, vor einem türkischen Vater, kann eine Menge bewirken, wie man sieht.

Momentan erhalten viele Youtuber, die Mert kritisieren, Gegenkritik. Wie so oft, können die Leute nicht sagen, was an den Schwulen schlimm sein soll. Es wird nur gerechtfertigt, weil das kulturell halt so sei. Mert wurde vor laufender Kamera geschlagen und fand das ganze sogar komisch. Komisch wie… lustig. Mit seinen eigenen Worten hat er es sogar noch schlimmer gemacht. Die Familie bedient so ziemlich jedes Klischee, das man über Ausländer und Muslime hat: Hauptsache Gewalt. Mert hat nach seiner Mutter gerufen, aber wir alle kennen auch dieses Klischee; die Mutter lacht es weg. Was Prügel? Kleine Nackenlatsche, mehr nicht.

Mein persönliches Unwort des Jahres: Prank. Weiß ein 13-jähriger heutzutage, was „Prank“ auf Deutsch heißt? Ein Streich muss nicht witzig sein oder positiv enden, wie manche behaupten. Streiche können Geld kosten oder tödlich enden.

Wer selbst schwul oder lesbisch ist, kann und sollte sich aufregen. Es ist auch keine leichte Aufgabe, sich zu outen und für viele Familien auch nicht leicht, die Sexualität zu akzeptieren (ach ja, Toleranz und Akzeptanz ist übrigens nicht das gleiche). Mich stört aber, wie einige die Gelegenheit nutzen, über Religion und Ausländer zu hetzen.

Ruhig bleiben und die Familie zum Tee einladen! Zwei Minderheiten. Da muss doch eine Gemeinsamkeit sein, oder?

Ist ruhig geblieben…
a|fiction|esse

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