Blame! (’97-’03) – Wie Fantasia, nur als Sci-Fi

„Blame!“: Sci-Fi, Sci-Fi, Sci-Fi, Sci-Fi

Blame!“ ist die Einführung in das Science-Fiction-Mega-Manga-Universum von Tsutomu Nihei. Die Serie hat in Deutschland eine große Anhängerschaft (Quelle: Internet). Von „Kult“ ist die Rede (ebenda). Es könnte vor allem an der technikverliebten Gestaltung der Charaktere und am gigantischen Universum liegen, in dem auch mehrere Folgewerke spielen. In Niheis Werk ist das digitale Zeitalter angekommen.

Hier geht es sowohl um den Manga als auch um den Anime „Blame! Ver.0.11„. Die Geschichte soll demnächst verfilmt werden (Quelle: der Autor auf Twitter :D).

Die Serie enthält: den Wandel der Menschheit, Cyberpunks, künstliche Gliedmaße, Regierung und Spionage, Klone, Schläuche, ein Hauch Cybergoth, eine begehrte Waffe, einen Karpfen

Alles auf Anfang

In einer Zeit, als Egmont Manga (EMA) noch Feest Manga hieß. Tsutomu Nihei (*1971) kommt aus Fukushima. Dieses Detail spielte zur Entstehungszeit keine Rolle, wird aber im Verlauf der Geschichte interessant. Nihei interessierte sich schon in der Schule für Architektur. In seinem Werk, welches 1994 im „Afternoon Magazine“ des berühmten japanischen Verlags Kodansha (u.a. „Sailor Moon„, „Oh! My Goddess„, „Great Teacher Onizuka„) erschien, gibt es reichlich davon.

Cover Band 1
Cover des ersten Bandes.
© tsutomu-nihei.wikia.com

Nihei studierte schließlich Architektur, widmete sich dann aber den Manga. Er wurde Assistent des Mangaka (jap. Mangaküntler) und Namensvetters Tsutomu Takahashi („Jiraishin„, „Sky high„). Gemeinsam arbeiteten sie an Takahashis Erstlingserfolg „Jiraishin„, einem prämierten Krimi für ältere Leser.

Blame!“ ist die ausführliche Erzählung zu seiner Kurzgeschichte „Blame“ (1994). Die Kurzgeschichte bzw. der Kurzmanga wurde mit einem Sonderpreis von Kodansha prämiert und später in „Noise“ (’00/’01)  veröffentlicht. „Noise“ spielt vor der Zeit von „Blame!„, ist also ein Prequel.

Deutlichen Einfluss auf Niheis Arbeit vermuten einige Fans durch den Roman „Great Sky River“ (1987) von Gregory Benford. Ähnlichkeiten finden sich in Bezeichnungen und Strukturen.

Handlung. In tausenden von Stockwerken verteilt leben vereinzelt Menschen mit Originalgensätzen unter der Herrschaft von Klonen, Maschinen und Androiden. Inmitten einer großen digital vernetzten Welt finden sie keinen Zugang zueinander und müssen sich den KIs geschlagen gegeben. Nach einer Katastrophe an der Oberfläche gehören sie zu den „Schädlingen“ im System. Killy ist ein kleiner mysteriöser Mann auf der Suche nach Netzwerkgenen. Dies ermöglicht Personen, miteinander auf langer Distanz Kontakt und Wissen aufzunehmen. Doch sein eigenes Interesse an den Genen bleibt ein Rätsel. Die Suche treibt ihn in unzumutbare Entfernungen. Während seiner  Recherche, macht er auf sich aufmerksam und eröffnet das „Buffet“ für seine Gegner. Eine generierte Wissenschaftlerin namens Cibo tritt an seine Seite und wird eine verlässliche Kraft. In einer Welt mit rivalisierenden Gruppen, müssen die beiden körperliche Grenzen überwinden. (FSK: k.A.)

Insgesamt veröffentlichte Nihei 10 Bände für den Manga. Im Internet wurde ein Anime mit 6 Folgen mit je 5 Minuten veröffentlicht.Da Manga und Anime sich stark voneinander unterscheiden, splitte ich einfach den Beitrag. Wusch.

Warum „Blame!“ so speziell ist

Es ist ein Manga ohne viele Worte. Dadurch werden viele Dinge subtil in den Bildern umgesetzt. Trotz des wenigen Texts, ist die Wirkung groß und extrem komplex. Wer aber diesen Manga verstehen will, muss sich gut konzentrieren und mitdenken!

Die Megastruktur, wie der Handlungsort genannt wird, wird nur am Rande erklärt. Wie bei Fantasia („Die unendliche Geschichte„) wirken die Grenzen in der Mitte, obwohl die Megastruktur nach außen wächst. Mit wenigen Mitteln erschafft Nihei eine gigantische und beklemmende Welt. Neben einer realen, physischen Welt gibt es die Datenwelt, die Netzsphäre, sowie eine Raum-Zeit-Spalte. Man erfährt, dass es eine Erde wie unsere gegeben haben könnte. Außerdem ist die Rede von einem „Städtewachstum“, das mithilfe der Netzwerkgene gestoppt werden kann.

Die Wesen in diesem Universum rangieren von fleischlichen, sterblichen Wesen wie uns Menschen bis hin zu Künstlichen Intelligenzen mit ganz unterschiedlichen Körpern. Eine Sache, die man schnell verstehen sollte: Alle Wesen können geklont und versendet werden!

Dazu passt diese Szene aus Kapitel 47. Zwei Individuen mit unterschiedlichen Aufgabengebieten stehen an der Grenze der Netzwerksphäre. Einheit 2 kontrolliert die Grenze. Einheit 1 dringt ein:

Einheit 1: „… ich wollte unbedingt die Netzwerksphäre sehen…“

Einheit 2: „… D. hat kurz vor seinem Tod die kostbaren Daten der Schutzwehreinheit gestohlen. Du existierst also gar nicht mehr. Wie bedauerlich.“

Einheit 1 löst sich komplett auf. Ob er tot ist? In der Megastruktur völlig überflüssig, zu fragen. Es gibt gerade bei den Protagonisten Verletzungen, die jede Kreatur umbringen würden. Aufs neue müsste man sich also eher fragen, wie sich Nihei nun wieder heraus windet.

Killy, die Hauptfigur, der einsame Cowboy, trägt mit seiner wortkargen Art zum Wirrwarr bei. Er verzieht nie eine Miene, hat eine übermächtige seltene Waffe und ist versiert im Kampf. Als Figur wirkt er zu kompetent. Seine unermüdliche Suche nach Netzwerkgenen und die Tatsache, dass keiner weiß, woher er kommt, macht ihn suspekt. Doch irgendwie scheinen viele damit einverstanden zu sein, zumindest die Menschen. Eine Hauptfigur zum Lieben und Fürchten.

Künstlerische Machart

In der Megastruktur wirft man mit einigen Entfernungsangaben um sich: 3.000 Ebene, 75 km langes Loch, mehrere Wochen Fahrstuhl fahren. Wenn das nicht reicht, zeichnet Nihei einsame Gänge und Treppen. Es sind häufig Orte, wo es tief hinunter geht. Killys Richtung führt ihn nach oben, aber alles sieht gleichermaßen trostlos aus. Die „Oberfläche“ wird er jedoch scheinbar nicht betreten, aufgrund einer früheren Explosion. Die Explosion wiederum löste vor langer Zeit Mutationen aus. Das ganze ist so lange her, dass Killy nicht einmal den Begriff „Erde“ kennt. Nihei stammt wie gesagt aus Fukushima…

Die Figuren haben einen porzellanpuppenartigen Gesichtsausdruck. Mimik setzt Nihei fast nie ein. Dünnere, hagere Figuren treten auf, keine niedlichen. Die Proportionen sind abhängig von seinen schnellen Strichen. Schatten im Gesicht gibt es eigentlich nie. Der Augenabstand ist groß. Gothicfans dürften sich neben all den anderen Wesen am meisten für die Siliziumwesen interessieren, die äußerlich Ähnlichkeit mit Cybergoths haben. Menschen dieser Welt sind durch die Mutationen und das Klonen sehr unterschiedlich geraten. Killy ist in seiner Region ausgewachsen, trifft aber manchmal auf Menschen, die vier Köpfe größer sind. Unter den Menschen finden sich teilweise aussortierte Freaks, „Natur“völker oder völlig verbrauchte Arbeiter. Die meisten scheinen Analphabeten zu sein und sich zu verstecken. Die Vielfalt von Niheis Menschen ist so groß, dass man schnell den gemeinsamen Ursprung vergisst.

Warum „Blame!“ so speziell ist

Der Anime „BLAME! Ver.0.11″ erschien 2003 als Web-Anime. Die Leitung übernahm das Studio Group TAC.

Für den Anime gibt es zwei verschiedene Charakterdesigner. In den ersten beiden Folgen war es noch Akio Watanabe, der sonst für süße Figuren bekannt ist. Als für die restlichen Folgen der Charakterdesigner wechselt, wirkt sich dies auf das Aussehen der Charaktere aus. Die Gesichter gleichen sich nicht haargenau und machen es spannender die Folgen miteinander zu vergleichen.

Die sechs Folgen des Animes sind sehr kurz. Der Anime ist so tief in der Handlung drin, dass er nicht mehr erklärt als der Manga. Dennoch wirkt er eigenständig und kann auch ohne vorheriges Lesen angeschaut werden.

 

Künstlerische Machart

Jede Folge geht sehr abstrakt auf die Handlung ein. Dabei behalten die Episoden den sprachlichen Stil bei. Jedoch nicht im Umfang. Im Gegensatz zum Manga wird im Anime ein bisschen mehr gesprochen. Es bleibt jedoch schwer, die Geschichte zu verstehen.

Insgesamt handelt es sich um Kurzfilme mit Elementen aus dem Experimentellen Film. Schnitte, Symbole, Farben, Wiederholungen, Verzerrungen, Übergänge und so weiter sind kunstvoll aneinander gereiht oder miteinander kombiniert. Nur das Absurde fehlt mehr oder weniger.

Im Anime hört man oft schallende Stimmen oder Computerstimmen sprechen. Diese Stimmen werden immer wieder von Geräuschen begleitet. Es sind vor allem hohe Töne, die im Anime auftauchen. Zwischendurch kommen auch Instrumente und klassische Musik. Die Soundkulisse ist neben den Farben verantwortlich für eine leicht psychedelische Wirkung.

Meinung und Fazit: Ein feuchter Traum für Digi-Fans, Cybergoths und Bildliebhaber. Während der ganzen Zeit wollte ich immer sehen, wie die Welt komplett aussieht. Man erhascht nur einen Bruchteil und das ist so gut dargestellt, dass es riesig aussieht. Leider musste ich oft in früheren Bänden zurückblättern, um noch mitzukommen. Es gibt zu viele Gruppen in meinen Augen, um mitzukommen. Je mehr man liest, desto spannender wird es aber. Das Ende ist jedoch offen und erfordert, mehr als die zehn Bände zu lesen. Wer Herausforderung und/oder leichte Kost zum Durchblättern sucht, kann sich mit diesem Werk beschäftigen. Eine Altersangabe habe ich nicht gefunden, finde aber dass 12 Jahre als FSK reichen sollten (trotz der Gewalt). Mir bleibt nur zu sagen, dass ich die Erklärung haben möchte und dafür mindestens „Noise“ lesen muss.*

Für wen?  Wenn du ein fauler Leser bist, ein Panel-Freak bist oder auf alles stehst, was mit Technik zu tun hat. Nicht für Einsteiger  in die Mangaszene geeignet.

Meinung und Fazit: Die Animationen sind so bildgewaltig wie der Manga. Erfreulicherweise kommt Ton hinzu, was man sich im Manga an mancher Stelle mühevoll zusammenreimen muss. Ich bin beeindruckt, wie man in sechs Folgen die äußerst schwierige Handlung einfangen konnte und etwas eigenes daraus gemacht hat. Wer den Manga kennt, weiß, dass es nicht leicht gewesen sein kann. Die Umgebung ist gut eingefangen worden. Leider bleibt wenig Zeit, um die Charaktere kennen zu lernen. Dennoch ein gelungenes Werk, vor allem, wenn man sich für Film interessiert.

Für wen?  Wenn du Animation oder Kurzfilme allgemein magst. Du solltest den Manga vorher gelesen haben. Nicht für Einsteiger in die Mangaszene geeignet.

 

Brücken MegastrukturWand Megastrutur
Die Megastruktur: Eine Ebene mit Brücken und Horizont. Nicht allzu gewöhnlich in der Welt. | © outdarethenight.tumblr.com, centruldecalcul.blogspot.com

 

Manga oder Anime? Beides sind unabhängige Kunstwerke. Wer den Anime halbwegs verstehen will, sollte trotzdem zuerst den Manga lesen.

 

*Und dass die Siliziumwesen für einige Ohrwürmer (Psyclone Nine, Opium, Combichrist) verantwortlich sind.

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6 Gedanken zu “Blame! (’97-’03) – Wie Fantasia, nur als Sci-Fi

  1. Oh ja, das ist definitiv ein spezieller Manga. Die Handlung hat mich nicht so richtig abgeholt und das „Design“ der Lebewesen auch nicht so sehr, weswegen ich letztendlich nie weitergelesen habe. Aber die Architektur und das dunkle Setting fand ich faszinierend.

    • Also, nach dem ersten Band habe ich die Reihe erstmal zur Seite gelegt. Es hat sich auch ständig hinausgezögert, aber Band 9 und 10 hatten neue Figuren und Settings, die mich doch neugierig gemacht. Nur… es wird halt nicht aufgelöst, erst in anderen Serien, sagt man.

      • Ehrlich nicht??? Oh man. Das macht mich immer fertig. Gerade bei Manga, die man etwas länger als zwei Bände verfolgt hat sind offene Enden oder Abbrüche bitter.
        Ich habe mit viel Freude 20th Century Boys gelesen und auch 21st Century Boys – das nach Krankheit des Zeichners dann die Geschichte zu Ende erzählt. Bloß gut, dass ich es erst für mich entdeckt habe als „21st …“ schon draußen war.

  2. So faszinierend zumindest die Zeichnungen sind und so ansprechend das Thema (von den Fans werden ja häufig Parallelen zu „Eden“ gezogen, den ich sehr mag), habe ich es über den ersten Band leider nie hinausgeschafft. Jetzt habe ich aber doch wieder Lust bekommen …

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