Wie ich über Briefe das Schreiben für mich gewann… [Medienbio #7]

Bekanntlich habe ich Schreibwut, falls ihr mit dem Begriff etwas anfangen könnt. Mir fallen schnell viele Dinge ein, die ich zu Papier bringen kann und es macht mir Spaß. Nur das zu Ende schreiben und meine fehlende Konsumerfahrung (ich lese und gucke wenig) macht es schwerer als es sein muss. Briefe schreiben ist einfacher. Einfacher als das kreative oder wissenschaftliche Schreiben. Ich wusste bei meinen Briefen manchmal nicht, wie ich anfangen sollte, aber beendete sie in einem Guss. Ohne Frust. Keine Ahnung, ob der Brief unter die Medien fällt, aber ich habe Lust, darüber zu schreiben.

Warum Briefe so wichtig wurden…

LuftpostLuftpost: Für mich etwas besonderes, was ich mit meiner Familie verband.
© Efraimstochter auf pixabay.com

Meine Beziehung zum Brief hat etwas mit meiner Beziehung zu Entfernungen zu tun. Klingt komplizierter als es ist… oder doch. Mir wurde sehr früh beigebracht, wo sich unsere Familie überall in der Welt aufhält. Das konnte man in dem Alter schnell begreifen. Dass die Eltern die Familie vermissen und nur verreisen möchten, bemerkt man vielleicht erst später. Ich habe Stunden damit verbracht, mir Fotoalben anzusehen. Das geschriebene Wort hat mich dabei am meisten interessiert. Schließlich hört man gerne Beschreibungen über sich und andere. Irgendwann kramte meine Mutter einen Brief heraus, den sie an meine Großmutter schicken wollte. Zu dem Zeitpunkt, als der Brief geschrieben wurde, war ich ein Jahr alt. Beim Zuhören hatte ich einen Film vor Augen, so lebhaft konnte ich es mir vorstellen. Die liebevolle und sentimentale Art, welche meiner Mutter so eigen ist, passte hervorragend zum Inhalt. Ich konnte mich beim Zuhören besser konzentrieren als wenn sie es einfach zu jemandem gesagt hätte.

Jahre später schrieb ich an die Verwandtschaft mit sehr lebhaften Alltagsanekdoten. Ich will ja nicht angeben, ne, aber meine Briefe müssen der Renner gewesen sein! Auf jeden Fall stachen sie durch die Themenwahl und Illustrationen heraus. Worüber ich geschrieben habe, war manchmal echt nebensächlich. Ich wollte die anderen unterhalten und die Atmosphäre etwas lockern. Diese großen, sentimentalen Worte waren nichts für mich. Ich erinnere mich an meine Cousine, die sich dafür entschuldigte, dass sie kein Briefpapier hat. Sie hat das so elegant formuliert, dass ich mich sogar dafür entschuldigen wollte, dass sie sich entschuldigt.

Als wir in meiner Schulzeit das erste Mal umgezogen sind, schworen meine Freundinnen und ich, Briefkontakt zu halten. Wir haben es tatsächlich durchgezogen. Es gab das Ritual, dass ich den Brief jedes Mal an eine andere adressiere und die Briefe erst geöffnet werden, sobald alle anwesend sind. Wir hatten Gesprächsstoff, aber mit der Zeit merkte ich, dass ich nicht alle erreiche. In meinen Briefen ging es hauptsächlich um neue Erlebnisse in der neuen Schule. Meine Freundinnen schrieben, anders als ich es erwartete und hoffte, Reaktionen auf meine Geschichten über die neue Schule. Dabei wollte ich wissen, wie es in der alten Heimat so läuft. Irgendwann kam auch die Zeit, in der die anderen den Wohnort wechselten und auf andere Schulen gingen.

Mit einzelnen hielt ich den Briefkontakt. Das wurde angenehmer, weil der Brief nun an die Einzelpersonen gerichtet war. Manchmal kam es vor, dass ich Post bekam und fünf Minuten nach dem Lesen die Antwort schrieb. Ich erfuhr endlich mehr über die Leute, behielt aber meinen Bitching-Modus bei. Was mich wirklich fasziniert, ist die kreative Gestaltung der Briefe. Auf dem Briefpapier gab es Zeichnungen, aufgeklebte Blumenblätter, Sticker auf dem Umschlag, Glitzer, etc. Mein erstes „eigenes“ Briefpapier war eine Figur aus Kaori Yukis „Angel Sanctuary„. Ich habe ein Mädchen abgezeichnet, weil ich die Frisur gut fand. Später ließ ich es kopieren, um es mit meiner Manga-Freundin zu teilen. Daraufhin dachte ich mir eine eigene Figur für das Briefpapier aus, wieder im Mangastil. Nicht zu empfehlen sind Parfümexperimente… Ich bin echt stolz, wie lange ich den Briefkontakt mit manchen halten konnte. Denn irgendwann haben alle „keine Zeit“ mehr. Nicht zu vergessen, dass wir im digitalen Zeitalter leben.

Die Briefe hebe ich auf.

Sprechweisen, Zeitreisen

Wir schrieben einfach drauf los, ohne auf den Stil zu schauen. Manchmal gab es Wörter, über die wir sprachen. Einen Dialekt, den wir hinein brachten. Diese schönen Formulierungen, wie sie in alten Zeiten üblich waren, die gab es aber nicht. Meine Mutter kann das, aber ich fand das immer zu hochtrabend. Bei mir gab es kein „Ich hoffe, es geht dir gut und du erholst dich schnell, sodass wir uns bald wieder sehen.“. Bei mir gab es ein „Wie geht’s?“. Selbst beim Brief an einen ranghohen Politiker. Dem habe ich aber auch geschrieben, als ich ungefähr in der 5. Klasse war…

Lest euch mal Briefe aus dem frühen 20. Jahrhundert durch! Es klingt wie aus einer anderen Welt.

Ich bin einmal in einem alten zentralen Stadtteil von Berlin unterwegs gewesen, wo früher viele jüdische Bewohner gelebt haben. Diese Orte sind so historisch, haben einen eigenen Flair. Eines Tages lief ich an einem Laden vorbei und sah eine Kiste voll mit gebundenen Briefen und Fotos. Alle waren Originale. Man konnte sie mitnehmen, einfach so. Es gibt Leute, die die Sachen auch über Ebay verschenken oder verkaufen. Als jemand, der seine Briefe und Fotos nicht mehr hergibt, hat mich das schockiert! „Wie kann man das einfach so weggeben?“, dachte ich. In meiner Hand wirkten die Sachen zusätzlich zerbrechlich, denn die Briefe und Fotos datierten teilweise bis ins Jahr 1910 zurück. Es war gut erhalten, aber das Papier war damals anders.

Es können doch nicht die Briefmarken sein, die die Leute verhökern möchten. Am Stil der Sachen kann es auch nicht liegen; als Requisite, zum Erforschen, vielleicht. In Deutschland gibt es das Briefgeheimnis. Selbst private Fotos dürfen nicht einfach weiter gegeben werden. Ob der Laden damit etwas bezwecken wollte? Was sagen die Angehörigen dazu, dass ihre Familiengeschichte so offenbart wird? Wissen sie überhaupt davon? Mich würde es furchtbar aufregen, wenn man an meine Briefe gehen würde.

Die Sprache aus der Zeit ist so besonders. Vor kurzem fand ich Postkarten meines Urgroßvaters, der meiner Mutter und meinem Onkel beim Kururlaub schrieb, in den Siebzigern. Mir war gar nicht bewusst, dass es diese Postkarten gab. Noch interessanter finde ich, dass von allen Enkeln scheinbar meine Mutter und mein Onkel bevorzugt wurden. Die anderen Enkel wurde in der Postkarte gegrüßt, erhielten aber selbst keine. Na sowas!

Mein Uropa hatte eine winzige und sehr ordentliche Schrift. Ich brauchte zwei Anläufe, um die Postkarte lesen zu können. Auch er hat einen Hang, viel zu schreiben. Er schrieb: „Hier ist es sehr erholsam, nun möchte ich aber doch wieder heim“ und zum Abschied „seid brav und benehmt euch diszipliniert“. Kribbelig werde ich da.

Digitale Briefe…

Das digitale Zeitalter. Elektronische Post. Emails. Natürlich ging es irgendwann nicht mehr ohne Handy. Verabredungen wurden zu schwierig. Jemand könnte sich verspäten oder den Weg nicht finden. Ich war nie ein Telefonmensch. Als meine Brieffreunde auf Handys umstiegen, stieg ich auf Emails um. Da der Kontakt zu ihnen immer weniger wurde, vor allem im Studium, suchte ich nach neuen Brieffreunden. In der Oberstufe fing ich an zu chatten und sogenannte Pen Pals (engl. Brieffreunde) zu suchen. Mein Ziel waren eigentlich Japaner, weil ich mich damals auf der Höhe meiner Mangafanzeit befand. Japaner und englische Internetseiten schlossen sich damals aber aus.

Wenn ich Leute online kennen lernte, machte ich vor allem Bekanntschaft mit Leuten, die englisch sprachen. Oft waren sie männlich, was sehr komisch war. In meiner Briefzeit hatte ich zwar den versuch unternommen, zwei Mitschülern zu schreiben. Aber die Jungs waren nicht so… offen dafür. Nach nur einer Antwort auf quietschbuntem Briefpapier kam nichts mehr. Im Internet war es zumindest in Chats leichter, mit Jungs Kontakt aufzunehmen. Das machte es für mich aber auch schwerer. Gerne hätte ich neue Mädchen kennen gelernt und nicht junge Studenten, die ich ewig vorher testete, bevor ich meine Emailadresse herausgeben würde.

Mit deutschen Personen hatte ich wenig Internetkontakt. Ich wollte bewusst meine Sprachkenntnisse verbessern und internationale Leute kennen lernen. In einzelnen Foren gab es aber doch sympathische Leute. Nachdem ich mit zwei Leuten in den Foren private Nachrichten (PM) austauschte, schrieben wir uns irgendwann Emails. Die eine war sogar so sympathisch, dass wir uns trafen und Freunde wurden. Sie waren auch eine der wenigen, die nicht über meine langen Emails stöhnten. Beide konnten ebenso ausdauernd schreiben. Von der Struktur her war es wie eine Forendiskussion: Einer schrieb, der andere zitierte und antwortete dann darauf.

Wie üblich brachen die Kontakte aber immer nach ein paar Jahren weg. Entweder war es das Studium („keine Zeit“) oder der Job („keine Zeit“) oder die enttäuschende Aussage, meine Emails seien „zu lang“. Das ließ mich sehr an mir und meinen Freundschaften zweifeln. Kurz nach dem Abi hatte ich mir angewöhnt, dass ich einfach schreibe, egal wann eine Antwort kommt. Ich schrieb oft jedem dieselbe Email, sogar als Anhang, was die anderen amüsierte. Ich dachte mir eigentlich etwas positives dabei, so in der Art: „Hey, ich helfe dir, den Kontakt zu halten und dich aufzuheitern.“. Leider musste ich feststellen, dass von einigen nicht eine einzige Nachricht zurückkam. Höchstens: „Du schreibst immer so viel. Ich habe viel zu tun.“.

Irgendwann gab ich es auf. Es machte einfach keinen Spaß, jemanden hinter zu laufen. Mich störte diese Gleichgültigkeit, aber ich habe es viele Jahre probiert. Nicht einmal ein Neujahrsgruß. Man denkt immer, nach der Schulzeit bleibt man befreundet, aber es gibt beste Freunde wie Pech und Schwefel, die auseinander gehen. Aus Zeitmangel und weil die örtliche Distanz immer größer wird. Nun sind fast 10 Jahre seit dem Abi vergangen, noch mehr Jahre, als ich das erste Mal in der Grundschulzeit umzog. Was mich aber echt kränkt, ist die Tatsache, dass ich heute manchmal einigen begegne und sie tun als hätten wir uns letzte Woche gesehen. Mittlerweile erlaube ich mir den „Spaß“ und laufe an ihnen vorbei. Schade, wie sich so etwas entwickeln kann.

 

Heutzutage schreibt kaum noch jemand Briefe. Jetzt gibt es Facebook-Nachrichten und WhatsApp. Dieses Gefühl, wenn man in den Briefkasten schaut und einen Brief findet, gibt es nicht mehr. Es gibt Rechnungen und Werbung. Ich finde es schade. Lieber warte ich zwei Wochen auf eine Nachricht als in zwei Minuten vier Nachrichten mit Smileys zu verschicken. Eine Nachricht in der Hand halten, mit einer richtigen Begrüßung und einem Abschied…

Ist sentimental…
a|fiction|esse

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Ein Gedanke zu “Wie ich über Briefe das Schreiben für mich gewann… [Medienbio #7]

  1. Ich gehöre ehrlich gesagt auch eher zu denen, für die eine Nachricht mal zu lange sein kann aber ich chatte sehr gerne! Diesen Winter habe ich in einer meiner WhatsApp Gruppen, in der Leute aus ganz Deutschland sind (von denen ich auch ein paar bereits betroffen habe und die seit immerhin über 2 Jahren besteht) vorgeschlagen, dass wir doch zu Weihnachten Wichteln könnten! Einer der nicht teilnehmen wollte, sollte unseren jeweiligen Partner ziehen, uns privat zuteilen und privat unsere Adressen an die jeweilige Person schicken, so dass alles geheim blieb, bis dann das Paket Zuhause ankam! Das war wirklich schön! :) ich habe auch einer alten Chatfreundin, die mir vor 3 Jahren mal ihre Adresse für ein Weihnachtsgeschenk geschrieben hat, eine selbstgemachte Karte mit Gummibärchen als Überraschung geschickt und sie hat sich sehr gefreut! Briefe und Pakete können halt doch immernoch etwas sehr schönes sein, wenn sie von der richtigen Person kommen. ^-^

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