Wie ich lernte, mich zu informieren… [Medienbio #6]

Ein Thema, dass viele momentan heimsucht: Flüchtlinge. Heute auf Arbeit. Alles wahr, von der seriösen Statistik bis hin zur Gegenstatistik der „Aufgeklärten“. Mein Gehirn nimmt Informationen nicht auf. Verschwörungstheorien haben es weich gemacht. „Mainstreammedien“ sind für mich ein Problem geworden. So weit ist es gekommen, dabei fing es anders an…

Erwachsene News für Kinderaugen

Meine ersten stillen Traumata. Lernforscher sagen, dass jeder Mensch eine sinnliche Bevorzugung hat, die ihm das Lernen und Merken erleichtert. Meine Lerntyp war immer der visuelle. Ich konnte mir Bilder nicht fotografisch merken, aber „scannen“. Wer gut scannen kann, kann entweder gut filtern oder ist abgestumpft, schätze ich. Man kann spekulieren, ob mein früher Fernsehkonsum, den meine Eltern tatsächlich kontrollierten, zum Lerntypen beitrug. Auf die gleiche Art vielleicht die Nachrichten im Fernsehen.

Ein konkretes Bild habe ich immer noch vor Augen. Im Vorspann (?) von „Explosiv“ (RTL) gab es in den frühen 90ern eine Gewaltszene. Ein Junge, circa 16 bis 18 Jahre, wurde in Haft verprügelt. Es gab einen Beitrag, den ich damit assoziiere. Dort hat ein Junge mit ähnlichem Aussehen und dünner Statur das karge Gefängnisessen präsentiert. Was mir im Gedächtnis blieb, die Scheibe Brot: Dieses Brot, die Farben und die Statur… ein bisschen wurde mir übel. Borchert meets Torture Camp…

Zu diesem Zeitpunkt war ich maximal in der zweiten Klasse, schätze ich. Noch früher schaute ich mit meiner Mutter am Sonntagabend ein Nachrichtenmagazin auf ARD.  Nach der „Lindenstrasse“ brachte „Der Weltspiegel“ Beiträge aus allen Ländern. Es ging nicht um aktuelle Krisenherde, sondern um Reportagen zum schlechten, manchmal guten Leben in der Welt. Informationsreich, spannend, bunt. Jedoch ungeeignet für Kinderaugen. Es waren nicht mehr nur die Bilder wie kurze Ausschnitte aus Kriegen, Lynchjustiz oder verstümmelten Personen; auf Youtube habe ich warum auch immer schlimmere Dinge gesehen. Es waren auch die Geschichten. Übersetzt und vertont von einem professionellen Sprecher.

„Weltspiegel“ lehrte mich einiges, was im Erdkunde- und Geschichtsunterricht nie vorkam. Vieles hatte mit Kolonien europäischer Länder, dem Kalten Krieg und der UNO zu tun. Es war gefühlt die einzige Sendung, die zwischen „Amerika“ und den „USA“ Unterschiede machte. Afrika war nicht einfach „Afrika“. Die Südsee wurde als Raum mit Menschen registriert. Ich lernte diese Begriffe und Namen schnell. Es blieb das Programm meiner Mutter, ich schaute passiv zu, über mehrere Jahre.

Meine Sendungen

Mein Opa pflegte jeden Abend, die Nachrichten einzuschalten. Dann hieß es Stille und den Opa nicht stören! Nach seinem Tod schwappte der Trend auf meine Familie über. In meiner aktiven Fernsehzeit – das klingt gruselig – schaute ich eine Zeit lang täglich „Die Tagesschau„, das Traditionsformat der ARD. Vielleicht gab es da die Herrmann noch… Als Kind war das trotzdem passives Zugucken.

Die erste Folge logo!„, Kindernachrichten, auf KIKA kam. Nach 1997 vom ZDF umgezogen, hatte ein Zebra. Ich wurde ein Fan. Denke ich an „logo!“, denke ich vor allem an den Kosovokrieg. Das Nachrichtenthema, dem ich täglich entgegen fieberte. Ich wollte wissen, was auf dem Balkan passiert. Denn in meinem Viertel und an meiner Schule bekam man davon nichts mit.

Jeden Tag schaltete ich die Kindernachrichten ein, bald zweimal am Tag und hörte gebannt zu. Die Sendung informierte über den Krieg, die Lager, die Flucht und die Reise nach Deutschland. Kommt dir das bekannt vor? Ich lernte den Namen Slobodan Milošević und die Länder der Region. Die Sendung half bei Geschenkaktionen für die kosovarischen Kinder mit. Ich wurde Zeuge, wie die Kinder in Deutschland ihr Spielzeug weiter schenkten und Taschengeld für die anderen Kinder investierten. Viele fragten, wie sie helfen können.

Die Sendung hinterließ Telefonnummern und  Adressen, unter denen man sich weiter informieren konnte. Die Infohotline, die ein bisschen Geld verlangte, habe ich sogar gewählt. Bis heute weiß ich es nicht, aber am Telefon war vielleicht Kim Adler, einer der Moderatoren der Sendung. Den fragte ich nach der Adresse des Berliner Bürgermeisters, um mich bei dem zu beschweren. :D

Allgemein war das „Beschweren“ bei dieser Sendung eine Sache für sich. Ich habe alle Beiträge neutral in Erinnerung, bis auf solche, wo es um Sport ging oder witzige Feiern. Themen, die Kinder direkt betrafen, wurden in der Sendung bevorzugt. Es sind Kindernachrichten auf dem Kinderkanal. Man hätte das Gefühl bekommen können, dass sich dort jemand für Kinder einsetzt. Ich fühlte mich angeregt, etwas in der Welt zu verändern. Gut, dass war ich schon wesentlich früher.

Partizipation und Empathie waren stark beim Gucken der Sendung. Die Anrede war „ihr“. Verhältnisse wurden in Beziehung gesetzt, z.B. bei Kinderrechten. Die Sprache natürlich einfach und etwas lockerer. Aufklärung kam manchmal vor. Außerdem gab es Kinderreporter, die den Politikern vor der Wahl Fragen stellen durften. Es waren selten gute Fragen, aber genug, um die Leute schwitzen zu sehen.

Wer eine Folge „Punkt 12“ (RTL) ansieht und das mit „logo!“ vergleicht, wird erstaunt sein, wie seriös dennoch die Kindernachrichten sein können. Ja, „Punkt 12“ sind keine Nachrichten… Wenn ich „Punkt 12“ oder „Die Tagesschau“ guckte, fühlte ich mich nie informiert und gleichzeitig emotional angesprochen.

Gewachsene Medien, erwachsene Meinungen

Die Oberschule brachte Veränderungen. Bei uns wurden Zeitungen ausgelegt, hat mich nur leider nie interessiert. Heute bereue ich es, dass ich Zeitungen kaum angefasst habe. Einer meiner Mitschüler, der selbst wie ein Nachrichtensprecher klang, setzte sich in den Freistunden auf die Sessel und las Zeitung. Die von der Schule abonnierte Zeitung. Gab es das bei dir auch? In welche „politische Ecke“ passt diese Zeitung?

Zum 11. September gab es massig Artikel zum Einschlag ins WTC und Pentagon. Wir wurden aufgefordert, in den Zeitungen und Zeitschriften zu recherchieren und ein Referat über das aktuelle Geschehen zu halten. Merkwürdiger Moment, um damit anzufangen. Unser Klassenzimmer sah aus wie dekoriert. Heute glaube ich den Sinn der Übung zu verstehen, aber der Zeitpunkt hätte früher sein können. Danach gab es nie wieder eine Presse-Übung.

Im Studium entdeckte ich das Radio als Medium wieder und stieß auf den Sender Deutschlandradio, der zu jener Zeit DRadio Wissen eröffnete. Da ich viele Mitbewohner hatte, versuchte ich ruhige Momente abzupassen, um laut zu hören und nebenbei Hausarbeit zu machen. Meine Lieblingssendung ist „Redaktionskonferenz“, ein Podcast. Aktuell, aber nicht zu vergleichen mit den Nachrichten. Ich höre es übers Internet. Seit der Umstrukturierung, die auch hier statt fand, nervt mich die Seite.

Zu viele Medien gibt es, die viele Angebote bringen. Mein drittes Prüfungsfach war Politik – ich hab’s überlebt! – aber mein Interesse wurde immer mehr an Meinungen und Hintergrundwissen gebunden. Eine Lehrerin war sehr engagiert und deckte uns mit Infoheften der bpb ein. Die Lehrer wollten über unsere Einstellungen reden. Jeder wurde aufgerufen. Sonst sieht es ja aus als würde man schlafen. Einige Mitschüler haben starke Meinungen vertreten, die nicht gut ankamen. Das führte nicht nur zum geheimen Ausschluss, sondern bei mir auch zur Abschreckung vor Diskussion. Die Diskussionsübungen, die ich vorher gerne gemacht habe, waren plötzlich ganz ernst.

Vielleicht lag es den neuen Lehrern in den Fächern Politik und Geschichte? Ich lernte jedoch neue Leute kennen, die sich manchmal für das Zeitgeschehen interessierten (Nicht solche wie auf WordPress.). Diese waren scheinbar gut belesen und einen Ticken schneller als ich. Durch das Studium suchte ich Ablenkung und las nur noch Überschriften. Die Überschriften der Emailseiten… Ich bemühte mich, regelmäßig wenigstens einen Nachrichtensender zu gucken oder Radio oder wenigstens Polit-Talkshows zu hören, aber es war zu viel Arbeit. Irgendwann fühlte sich alles an wie ein Kreisverkehr, der wieder vom Anfang losfährt; die gleichen Themen, Länder und Personen.

Da reichen Überschriften, dachte ich. Den letzten Rest gaben mir vermutlich die Überschriften von WP. Ganz genau, die vielen tollen Blogs der „Aufgeklärten“ mit ihrerWahrheit über „Lügenpresse“, „Gutmenschen“ und „Asylbetrüger“. Eines der Eigenheiten sind komplette Texte in der Überschrift. Warum mich das stört? Information ist ein Zahlungsmittel. Gibt es ein Extrem, folgt das andere.

Völlig übersättigt…
a|fiction|esse

P.S.: Wer ist über die Formatierungen gestolpert?

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