Warum ich Musikfernsehen vermisse… [Medienbio #5]

(Achtung: Dieser Beitrag enthält eine Reihe von popkulturellen Referenzen zu den 80ern, 90ern und den Noughties. Personen, ohne jegliche Kenntnis, besonders im Alter zwischen 12 und 16, wird geraten, ihnen unbekannte Begriffe und Namen zur Rettung der Menschheit nachzuschlagen. Vielen Dank!)

Okay, dieses Mal kann es nur nostalgisch werden! Zuerst wollte ich übers Kinderfernsehen schreiben, aber dann sah ich eine Doku über „Soul Train„, eine der besten Musikshows der Vergangenheit. „Soul Train“ ist definitiv etwas, was ich gerne als Jugendliche miterlebt hätte, aber darum wird es jetzt nicht gehen. Meine Generation hatte MTV.

Erste Erfahrung mit MTV

Ich weiß es gar nicht. Ehrlich nicht. Kann sich jemand von euch erinnern? Ich habe so viele Dokus über MTV geschaut, dass ich mir einbilde, die Anfangsjahre miterlebt zu haben. Da war ich aber noch ein kleiner Stöpsel. Schade. Die coolen Zeiten, wo Cyndi Lauper, Madonna und Billy Idol Pop Art-lastige Werbung für MTV gemacht haben. Beavis and Butt-Head. Als Björk und New Kids On The Block bei den MTV Music Awards auftraten. Meine Mutter hatte interessanterweise ein komplettes Konzert von New Kids On The Block aufgenommen und mir immer wieder weis gemacht, ich wäre ein Fan von denen… Meine Eltern sind sehr musikalisch und haben selbst Musikfernsehen geguckt, also habe ich mit MTV bestimmt schon sehr früh Kontakt gehabt.

Als MTV in Deutschland begonnen hatte, sprachen alle scheinbar noch Englisch. Damals gab es diesen einen Moderator, der in jeder noch so kleinen Nostalgieshow auftritt und einer der ersten VJs auf MTV war. Er hat den Akzent immer noch. Ich war bei MTV definitiv das erste Mal mit Untertiteln konfrontiert. Eine meiner beliebtesten Shows war „The Real World„, was 1992 zum ersten Mal auf Sendung ging und die zweite Reality TV-Sendung (der Weltgeschichte) war. Außerdem galt sie in Insiderkreisen neben Musikvideos schwarzer Künstler als die zweite „größte Fehlentscheidung“ von MTV (s.u. Cartoon).  Ich liebe diese Sendung. Mit den teils intellektuellen Anfängen hatte sie aber nichts mehr gemein, als ich treuer Zuschauer wurde.

Das bekannte Intro aus meiner Lieblingsstaffel | „Intro The Real World: Denver (Season 18)„, © Lauren Concon, 21.09.2014.


Da geht es aber schon los: MTV in Deutschland und ich erinnere mich nur an die Sachen, die nichts mit Musik zu tun hatten. Christian Ulmen war lustig. Es gab „Daria“, „Drawn Together“ und Animes. Dave Chapelle war damals noch nicht verrückt. Dann noch die anderen Shows wie „Jackass“, „Desaster Date“, „Silent Library“ und was nicht alles. Ich wuchs nur mit dem lustigen, nicht-musikalischen Teil auf, so wie viele auch. Parallel dazu schaute ich viel VIVA. Mir waren die Moderatoren bei MTV fremd. Bei VIVA hingegen kannte ich fast alle, inklusive Stefan Raab und Oliver Pocher. Unglaublich, wie die alle mal angefangen haben! VIVA war halt deutscher als MTV und passte zur „BRAVO“- und „The Dome“-Jugend. MTV war kreativ und VIVA einen Schritt voraus, aber VIVA hatte den Mainstream. Als kleines Kind findet man Mainstream gut.

Boybands und Bindungen

Was erwartete die Zuschauer? Ohne Boybands ging damals nichts im Leben einer Jugendlichen. Ich bin schuldig, ja. Aber wenn schon schudig, dann mit Stil: ‚N Sync. Ich habe über diese Band zwei Referate gehalten, sogar ein Kissen und eine Biografie gekauft. Das hatte niemand geschafft. (Wahre Fans bleiben übrigens treu.) Das erste Video von ‚N Sync habe ich vermutlich auf VIVA geguckt. Ich kaufte mir das erste Album und verfolgte wöchentlich die Charts. Meine Hausaufgaben machte ich während des Essens und den Neueinsteigern der Woche. Meine Mutter war wie immer am Mosern. ‚N Sync war natürlich nicht der einzige Grund, zwischen MTV und VIVA hin und her zu schalten. Ich schaute die Musiksendungen auf MTV mit immer mehr Interesse, auch wenn die Musik immer schlechter wurde. Heute kann ich mir im Internet viele Musikvideos anschauen, wann ich will. Die Aufregung, wenn ein Lied gespielt wird, worauf ich gewartet habe, macht aber viel mehr Spaß.

2gether
MTV Satire: Was ist eigentlich aus
2gether geworden? | © film.it

MTV hatte die Musik dabei, die aus dem Untergrund kam. Jeder Musikstil bekam zu unterschiedlichen Zeiten Aufmerksamkeit. Es war interessant, weil vieles nicht in Deutschland bekannt war. Eminem lief auf MTV ziemlich lange, bevor er bei VIVA gespielt wurde. Wenn ich eine Band nicht kannte, war es trotzdem sicher, sie in einer der „MTV Masters“-Dokus oder bei „Celebrity Deathmatch“ zu sehen. Leider hatten wir damals kein Internet, aber ich kapierte, sie waren alle berühmt. Für meine Mitschüler war MTV fast nur wegen dem Hip Hop spannend. Irgendwann glichen sich die Videos bei MTV und VIVA an, sodass man nichts verpasste. Das Niveau leider auch.

Eines der Gesprächsthemen waren die MTV Music / Movie / Music Video Awards. Ich versuchte keine Verleihung zu verpassen. Alles war erstaunlich verständlich für ein europäisches Publikum. Mir waren wenige Künstler unbekannt, es gab nur wenige Insiderwitze und die Musik war quasi dieselbe. Alle waren so cool und unerreichbar. Natürlich musste das Musikfernsehen für das junge Publikum auffallen. Bei Movie Awards wurden Küsse mit Liveküssen ausgezeichnet. Das passierte bei den Oscars so im Prinzip nur einmal mit Adrien Brody und Halle Barry.

A pro pos Kuss: Madonna küsste Britney Spears, nachdem diese gottseihdank mit Justin Timberlake (‚N Sync) Schluss gemacht hatte. Das gab einen riesigen Skandal. Keiner sprach vom Kuss mit Christina Aguilera, fast so wie bei der perfekten 10 von Nelli Kim und dem Mondgang von Buzz Aldrin.

Welche Musik?

Als ich in der Oberstufe war, habe ich kaum noch Musikfernsehen geguckt. Allerdings gab es kaum noch Sachen, die ich gerne hörte. Dann kam auch noch die Fusion von MTV und VIVA. Sarah Kuttner was not amused. Auf MTV lief immer mehr Reality TV und es gab auch noch welche, die schlecht geschauspielert wirkten. Es ging um Teenie-Mütter und Beziehungsprobleme. Dieselben Themen wie immer, aber massenhaft.

Wir zogen um, kurz darauf war ich im 1. Semester. Als ich in den Semesterferien in die neue Wohnung kam, dachte ich, der Fernseher spinnt. Das übliche Fernsehprogramm sprach mich nicht an. Ich hatte jetzt Internetzugang und schaute Youtube. Nur eine Sache hielt mich beim Fernsehen und das konnte ich plötzlich nicht mehr finden. Ich erinnere mich noch, wie ich meinen Bruder fragte, warum sie MTV nicht eingestellt haben. Er klärte mich auf und ich fühlte richtig, wie ein Teil von mir wegbrach.

Wie MTV ist weg? Ich ging die Senderfrequenzen durch und konnte es nicht fassen. VIVA war da, aber kaum wieder zu erkennen. Dafür spricht, dass dort Sami Slimani (Herr Tutorial) heute als VJ arbeiten darf. Die… egal, es geht nicht um ihn. MTV wurde nicht mehr zugänglich gemacht. Es wechselte zum Pay TV und für das Programm, was ich zuletzt sah, würde ich kein Geld ausgeben.

Schön, es gab auch ein Guilty Pleasure von heute, das ich mir ansah. Wenn Pink das in Zeiten von „Stupid Girls“ geahnt hätte. „Jersey Shore„, die kontroverse Show zum stolzen Ausleben von Klischees. Eine Sendung, die an „The Real World“ nicht heran kommt, trotz einiger Überschneidungen. Es ging um die Hautfarbe, Konflikte und eine wurde schwanger. So viel Alkohol wie bei „Jersey Shore“ in einer Staffel getrunken wird, gab es bei „The Real World“ hoffentlich nicht. Außerdem konnte man mit den Charakteren, die es zu „Jersey Shore“ geschafft haben, nicht die Designersendung kreieren, die „The Real World“ war. Ich gucke „Jersey Shore“ gerne, ich mag es scheinbar, um mich selbst besser zu fühlen. Einen Grund kann es nicht haben.

Vor kurzem gab es dann auch noch eine Doku zum Gefühl, weiß in den USA zu sein („White People„). Eine echt schwierige und zweifelhaft umgesetzte Sache, bei der ich wirklich nicht sagen konnte, was MTV damit beabsichtigt. Der Kanal auf Youtube bringt regelmäßig Videos zum Thema Rassismus, hochaktuell aber nur aus einer Sicht. Nach all den Jahren kommt MTV fast so rassistisch wie in seiner Anfangszeit herüber, als es Jahre dauerte, bis Michael Jackson mit „Billie Jean“ der erste schwarze Künstler auf MTV war.

Wenn Moderatorin Milka und Hape Kerkeling aufeinander treffen | „R.I.P. Uli zu Besuch bei Viva Interaktiv mit Milka | Darüber lacht die Welt mit Hape Kerkeling„, © Darüber lacht die Welt, 1999.

Kann ich nicht wieder ganz normal Musikvideos gucken? Es geht darum, zufällig Musik zu entdecken und auf das Ende des Videos zu warten, um den Interpreten und den Titel aufzuschreiben. Damit die erfolgreichsten Musiker nicht mehr wie Youtuber miteinander kollaborieren müssen, nur um sich gegenseitig Käufer zuzuschieben. Es gab viele Shows auf MTV, die trotzdem etwas mit Musikern zu tun haben. Das war okay. Ich hätte gerne wieder rockige und urbane Underground-Musik. Ich ertrage von mir aus auch die Talkshows, wo die Musiker eingeladen werden. „VIVA Interaktiv“ war schon grenzwertig, aber MTV noch langweiliger. Wobei, als man Bushido ein paar Buntstifte wegen seiner trostlosen Kindheit schenkte, das hatte schon was. Die Musikindustrie hat seltsame Züge gemacht und ich könnte auch weiterhin VIVA einschalten und vermeintlich dasselbe sehen. Das richtige Gefühl, so bin ich eben geprägt worden, kommt wohl erst mit MTV. Wer denkt an die arbeitslosen fetzigen Moderatoren? Nostalgisch? Auf jeden Fall!

Es trauert…
a|fiction|esse

P.S.: Ein sentimentaler Clip, der die Meinungen einiger Fans zusammenfasst. Schwierig. Ist es nur Heulerei oder stimmt es doch? Zur Erklärung: MTV startete als Sender, der hauptsächlich weiße Rock- und Metalmusiker zeigte. Die Breite der Musik änderte sich allmählich, als mehr Pop, Hip Hop, R’n’B und Dance (elektronische Musik) gespielt wurde. Jeder Musikstil bekam eigene Sendungen. Mit „MTV The Real World“ entfernte sich der Sender langsam vom reinen Musikangebot und erreichte immer mehr kommerziellen Erfolg. Irgendwann wurde das Sendekonzept komplett erneuert und der Schriftzug „Music Television“ aus dem Logo entfernt.

The Death Of MTV „, © The Official Of I Want My MTV, 28.09.2009.
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2 Gedanken zu “Warum ich Musikfernsehen vermisse… [Medienbio #5]

  1. Ach, da kann ich dir nur zustimmen. Ich trauere dem Musikfernsehen auch hinterher. Obwohl ich die damaligen (Scripted?) Reality Soaps nicht vermisse, schmerzt es doch sehr wegen der Videos. Manche davon waren Kunst und kurze, sehr komplexe oder einfach lustige Filme. Mitlerweile bekomme ich kaum was von Musikvideos mit, es sei denn ich gerate in eine Youtube-Schleife („Oh, das kannst du jetzt eigentlich auch noch gucken“). Und die Neuentdeckungen fehlen mir auch …

    • Schwer zu sagen, ob die ersten Shows gescripted waren. „The Real World“ war klar eine Designersendung.

      In der ersten Staffel saßen eine lesbische und eine heterosexuelle, streng gläubige Mitbewohnerin am Tisch. Sie haben mit Kindern gearbeitet und ein kleines Mädchen sagte sehr ruhig ein paar ablehnende Dinge zur lesbischen Mitbewohnerin. Alles von der Kamera eingefangen. Die streng-gläubige schien im Vorfeld ignorant gewesen zu sein und bekam jetzt einen Spiegel vorgehalten. Von der Sprechmelodie und Mimik her wirkte nichts geschauspielert. Das war schon ein ziemlicher Schnappschuss…

      Ich glaube aber, dass die ersten Staffeln selten gescripted sind. Spätere Staffeln eher.

      Als ich in China war, habe ich mir ein Loch in den Bauch gefreut, als ich MTV gucken konnte. Gut, war alles an die lokale Nachfrage angepasst, aber schwupps hörte ich zum ersten Mal von Hurts. Leider konnte ich wegen den Schriftzeichen diverse Videos nicht so schnell aufschreiben… ;´(

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