[ein bissl anders #1] Intelligente Kinder in den Medien

Beim Film Schauen oder Buch Lesen interessiert mich die Handlung am meisten. Wenn es aber ums Schreiben oder Zeichnen geht, steht für mich der Charakter im Fokus. Wie gesagt bin ich kein Medienwissenschaftler. Außerdem bin ich hier eindeutig von meiner alten DS-Lehrerin beeinflusst. Diese macht einen Unterschied zwischen Figur (= im Prinzip Archetyp) und Charakter (= Figur mit Tiefgang). Eine langweilige Figur führt zwangsläufig zu langweiligen Handlungen, bei denen nichts passiert oder alles vorhersehbar ist. Mich faszinieren Analysen zu Charakteren, weil es viel mit Projektion und Wünschen zu tun hat. Gerade die ersten Beispiele, die einem einfallen und die erste eigene Geschichte, die man schreibt, sind interessant.

Hier ein paar Beispiele, wie intelligente Kinder in den Medien agieren.

Sie sind Außenseiter, Mauerblümchen, Helden oder Angeber. Intelligent, schlau, hochbegabt oder pfiffig. Während in der nicht-fiktionalen Welt gerne das Opferdasein betont wird, gehen fiktionale Medien etwas vielfältiger mit der Persönlichkeit dieser Kinder um. Matilda („Matilda“) ist die fröhliche Waise mit den psychokinetischen Kräften, die wegen ihrer Intelligenz auch genau weiß, wie geduldig sie sein muss. Malcolm („Malcolm mittendrin“) ist ein Genie im Unterricht, wird in seiner chaotischen Familie zu Hause aber verkannt. Die Präsenz seiner dominanten Mutter führt dazu, dass er bei seinen Streichen nicht clever genug ist und ständig Ärger an der Backe hat. Er steckt immer zwischen der akademischen und der häuslichen Welt, unter anderem weil er keine „normalen“ Freunde findet. Hochbegabt und unbeeindruckt von den eigenen Eltern sind dagegen die Kinder von Midwich („Das Dorf der Verdammten“), die mit Tyrannei, Telepathie und anderen Spielchen für Schrecken sorgen. Anfangs sind sie nur wissbegierig und lernen, doch irgendwann können und wissen sie alles. Schroeder („Die Peanuts“) hingegen ist der typische Streber, der arrogant zum Besten gibt, wie beschäftigt er mit Beethoven ist.

Figuren sind mit Emotionen behaftet. Entweder in der Handlung selbst oder beim Rezipienten:

Freude: Matilda | Ekel: Die Kinder von Midwich | Wut: Malcolm | Angst: Die Kinder von Midwich | Trauer: Matilda | Verachtung: Schroeder | Überraschung: Malcolm | Scham: Malcolm (, Schroeder)

Es gibt aber noch interessantere Beispiele…

Lisa Simpson („Die Simpsons“)

Lisa SimpsonLisa (8) ist eine der Hauptfiguren in Springfield und findet sich dort gut zurecht. Besser als fast jeder andere. Es überrascht auch nicht, dass ihre Noten überdurchschnittlich gut sind und sie viele Lösungen für Probleme anderer. Anfangs sollte Lisa ein „zweiter Bart“ werden und somit ganz anders. Matt Groening entschied sich später um und erschuf eine Figur, die sehr sensibel, gütig und wissbegierig ist. Ihre Hobbys und Kenntnisse sind für ein achtjähriges Mädchen ungewöhnlich und reif. So ist sie dem Buddhismus zugeneigt, steht auf Jazz und liest Klassiker der modernen Literatur. Lisa kann nerven, als Besserwisserin oder weil ihre Gefühle verletzt werden. Geht es um die gute Sache, z.B. die Verteidigung von Tierrechten oder dem Bild der modernen Frau, kann es passieren, dass sie sich mit Erwachsenen anlegt.

Bei der Darstellung des intelligenten Kindes wird gelegentlich das Spiel der Extreme oder Homers Überforderung eingesetzt. Manchmal ist sie ein übertriebener Stereotyp. Ihre Begabungen liegen im akademischen, musikalischen, politischen, emotionalen und sozialen Bereich. Sie ist Streber, Langweiler und eigentlich auch Außenseiter. Oft wirkt sie aber eher wie ein „normales“ Mädchen. Mädchen werden in Serien ja gerne einmal schlauer und engagierter als gleichaltrige Jungs dargestellt. Immerhin schwärmt sie für Ponys, möchte Barbies haben und guckt dieselben Cartoons, die jedes Kind schaut. Einmal stalkt sie beinahe einen Superstar und obwohl der Name ihres Bruders ihr erstes gesprochenes Wort war, zankt sie sich mit ihm. Da „Die Simpsons“ wenige Veränderungen haben, entwickelt sie sich kaum weiter. Die Emotionen, die mit Lisa Simpson verbunden sind, sind Freude, Stolz, Ekel und Scham.

Shin-Chan Nohara („Crayon Shin-Chan“)

Shin-Chan und Daisy NoharaSein Name ist ‚Shin-Chan‘ Nohara und er ist 5 Jahre alt! Jetzt mag es einige überraschen, dass ausgerechnet er hier gelandet ist. So richtig fehl am Platz ist er aber gar nicht. Shin-Chan geht in den Kindergarten und macht dort ordentlich Radau. In seiner Gruppe fällt er durch Sprüche auf, die Kinder in seinem Alter kaum verstehen dürften. Meistens geht es um Tabuthemen wie Nacktheit, Erotik, Gewalt oder Straftaten. Woher er dieses Wissen hat, kann nur vermutet werden. Seine Eltern Mitsy und Harry spielen eine Rolle. Dann wäre da auch noch das erwachsene Fernsehprogramm, was er sich viel zu oft heimlich ansieht. Das hat zur Folge, dass er seine Kindergärtnerinnen anmacht oder dem Kindergartenleiter vorwirft, bei der Mafia zu sein. Allerdings sind das nur seine Sprüche! Bei den Aktionen sind wir noch gar nicht.

In seiner Gruppe gibt es noch Cosmo, das Wunderkind, welches tatsächlich offiziell hochbegabt ist. Dieser ist ein Angeber, Besserwisser und leidet, weil er sich in einem gewöhnlichen Kindergarten aufhält. Cosmo und Shin-Chan sind die einzigen Kinder, die derart nicht in diese Altersgruppe passen. Shin-Chans Talente kommen aber beispielsweise bei Cosmo zum Einsatz. Shin-Chan ist immer am richtigen Ort zur richtigen Zeit. Was auch immer er anstellt, es ist Cosmo, der erwischt und bloßgestellt wird. Cosmo fordert Shin-Chan auch gerne heraus oder teilt ihm mit, wie wenig er von ihm hält, doch am Ende ist Shin-Chan immer der Gewinner. Es wirkt nicht einkalkuliert, aber Shin-Chan hat ein Händchen dafür, andere Leute auffliegen zu lassen. Erwachsene gehören auch zu seinen Opfern. Manchmal kommt aber dann doch ein Spruch, bei dem man nicht sicher sein kann, ob er es mit Absicht gemacht hat.

Bei der Darstellung des intelligenten Kindes wird viel Sarkasmus und Ironie eingesetzt. Seine Begabungen liegen im sprachlichen und sozialen Bereich. Sein Humor ist nicht nur frühreif, sondern Zeichen für hohe Intelligenz. Da er aber noch klein ist, setzt er seine Begabungen prinzipiell nur für seinen Egoismus ein. Wenn er etwas will, manipuliert er andere. Er blufft, kennt schon längst Alternativen, schauspielert oder fragt Leute aus. Ihm ist immer klar, was erlaubt ist und was nicht. Keiner kann ihm zum Thema Erziehung und Beziehungen irgendwas vormachen. Es gibt in seiner Darstellung kaum Anhaltspunkte auf sein wahres Alter, außer den Kindergarten, Süßigkeiten und die Lieblingsserie. In der Welt von „Crayon Shin-Chan“ ist aber vieles nicht „normal“. Emotionen, die mit Shin-Chan Nohara verbunden sind, sind Scham, Freude und Überraschung.

Daria Morgendorffer („Daria“)

Daria MorgendorfferNoch eine Serienfigur: Daria Morgendorffer (15+) ist beides, Mauerblümchen und Anarchistin. Sie zieht in eine Kleinstadt, in der ihre kleine Schwester schnell Anschluss findet. Daria wird besorgt beobachtet und landet schließlich bei Jane. Daria war zuvor das Genie in der Kultserie „Beavis und Butt-Head“, bekam dann mit „Daria“ die Rolle der zynischen und viel zu intelligenten  Schülerin. An ihrer Schule gibt es einige Schüler, die mit ihr mithalten können oder zumindest das Potential haben. Sie selbst fällt weniger dadurch auf, dass sie viel kann als dass sie viel weiß. Nicht wie Rory Gilmore („Gilmore Girls“), die in jeder Folge Unmengen von unbekannten oder schwierigen Autoren aufzählt. Eher subtil: Sie könnte anderen helfen, indem sie Lösungen zu Problemen nennt, aber sie bevorzugt das Schweigen. Außerdem kommt von ihr höchstens ein ironischer Kommentar oder ein Ansatz eines Lächelns.  Trotzdem fällt ihr die Schule leicht. Die Lehrer rufen sie auf, wenn sie keinen anderen Schüler erreichen und freuen sich, dass wenigstens einer die Antwort kennt.

Bei der Darstellung des intelligenten Kindes werden Zynismus und Ironie als auch Charakterisierungen durch andere eingesetzt. Ihre Begabungen liegen im akademischen, sprachlichen und künstlerischen Bereich. Daria will sich absondern, lehnt vieles ab, würde andere als Familie bevorzugen und kann einfach nicht freundlich sein. Sie ist so ablehnend, wird von anderen aber als einsam bezeichnet oder als Mädchen, das nicht dazu gehört. Entweder Missverständnisse, die sie nicht aufräumen will oder es liegt etwas Wahrheit darin. Die Leute in der Serienwelt sind allerdings auch absurd anstrengend. Durch Jane und Trent lernt man sie anders kennen, sensibel. In der Serie wird sie älter und entwickelt sich weiter. Sie lässt sich auf „normale“ Dinge ein, vertraut anderen. Trotz allem bleibt sie in allem standhaft, solange sie keine Fehler entdeckt. Diogenes wäre so stolz! Mit Daria Morgendorffer assoziiert sind die Emotionen Stolz, Ekel, Wut, Trauer und Angst. Und natürlich Verachtung.

Es muss also nicht immer der Nerd mit der Hornbrille sein. Schwierig finde ich auch beispielsweise Ami Mizuno („Sailor Moon“), das kleine Mäuschen, das alles kann außer mit anderen reden. Absolut klischeehaft sind auch Rory Gilmore, Cosmo, Schroeder und fast alle Mitschüler von Malcolm.

Welche Figuren bzw. Charaktere fallen euch zu dieser Eigenschaft noch ein? Wie würdet ihr ein intelligentes Kind darstellen? Hochbegabt? Oder einfach nur neugierig? Welche Emotionen assoziiert ihr mit dem Thema oder den Figuren? Erkennt ihr Unterschiede zwischen den einzelnen Medien?

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