Update: Wie es bei mir auf Youtube anfing… [Medienbio #4]

Es gibt Momente, die ich gerne noch einmal durchleben würde. Damit ich sie korrigieren kann. Momente, wo ich mir wünschte, meinem alten Ich einen wichtigen Rat für die Zukunft zu geben. Dauerthema wäre sicherlich, weniger vor dem Fernseher zu sitzen. Mit Youtube (Yt) lief es natürlich nicht viel anders. Ironischerweise war mein erster Eindruck (etwa 2006) alles andere als gut. Nicht die Qualität der Videos war so schlimm, sondern einfach die Seite an sich. Trashig und langweilig sah es aus! „Wer guckt denn das?“, dachte ich mir bei den damaligen Videosensationen. Kennt ihr noch diese junge Frau, die über ihr Leben geredet hat und am Ende eigentlich Schauspielerin war. Vlogs, ein für mich unbegreiflich dämliches Konzept. Bis heute. – Nee, nee, Blogs sind etwas vollkommen anderes! Playbackvideos zu den Backstreet Boys. Ich fand es furchtbar. Nicht, weil ich ‚N Sync-Fan bin. Das jedenfalls war um 2006 herum. Heute ist 2015. Youtube wurde vor kurzem 10 und ich bin immer noch drauf.

Die Anmeldung, eine Geschichte für sich

Meine ersten „Begegnungen“ mit Yt  sahen ein bisschen aus wie bei Elliot, als er E.T. in der Garage findet. Viele der damaligen viralen Videos habe ich erst Jahre später kennen gelernt. An das allgemein erste gesehene Video erinnere ich mich nicht. Als ich 2007 richtig langen Internetzugang bekam, beschäftigte ich mich mit internationalen Brieffreunden, Foren oder Zeichenzeugs (Ich bin so ein Mädchen ^^“). Damals hatte ich gar keine Lust auf Videoclips oder Internetmemes allgemein. Wobei ich glaube, dass „memes“ als Begriff erst spät populär wurde. Das Wort „Mem“ lernte übrigens ich von einem hochbegabten Superheldencomicfan in einem Mangaforum.

Wie kam ich also zu Youtube? Ganz einfach, ich suchte Speicherplatz. Da ich einen längeren Film sichern wollte, entschied ich mich im März 2008 dazu, meinen Film auf Youtube hochzuladen. Mit der kleinen Hoffnung, etwas Feedback zu bekommen, stellte ich ihn später auf „öffentlich“. Mit dem Benutzerkonto kam ich öfter auf Yt. Damals gab es noch Gruppen, denen man beitreten konnte. In der Filmemachergruppe klickte ich mich durch Profile und wurde auf das eine oder andere interessante Video aufmerksam. Hinzu kam, dass ich jeden Seiten- und Videoaufruf mit Spannung verfolgte. Außerdem kam ich öfter zum Lesen meiner Privatnachrichten, damals oft „Sub for Sub?„. Ich brauchte etwas, um mich an das Englisch und die englischen Abkürzungen zu gewöhnen. Im Grunde bedeutet „Sub for Sub“: „Mir egal, was du machst, ich brauche Abonennten!„. Nein, eigentlich bedeutet es: „Ich belästige dich nur, um Druck meiner Klickgeilheit entweichen zu lassen. Danach melde ich mich nie wieder!„. Heute läuft das immer noch. Einer der berühmtesten, die bei mir angeklingelt haben, war MalumTV (heute: Mawaan Rizwan). Ich mochte seine ersten Videos zu selbst ausgedachten Namen und habe, weil ich gerne Feedback gebe, kommentiert ohne Ende. Auf jeden Kommentar folgte eine Bewertung oder ein anderer Kommentar und schon wurde ich richtig tief hinein gezogen. Vielleicht kam die Anfrage auch erst, nachdem ich bei ihm kommentiert hatte. Sie kam aber trotzdem aus dem Nichts.

Erste Begegnungen mit der Community

Wahrscheinlich habe ich zuerst Comedyvideos gesehen. Also wir sprechen hier von „Comedy“ im Youtubesinne (The Annoying Orange…). Damals mit der anderen Startseite und den 5 Sternen suchte ich mir neue, gut bewertete Videos heraus. Meistens waren es lustige Sachen oder Musik… viel hat sich nicht geändert. Die Flut an Let’s Plays oder Vlogs gab es damals noch nicht. Auch diese bescheuerten Vorschaubilder und Typografie-Meisterwerke blieben einem erspart. Die Leute hatten Spaß am Video und nicht an ihrer kurzen Berühmtheit. Ein paar Yt-Veteranen lernte ich damals bereits kennen: Fred vs. Shane Dawson (Shanaynay), Nigahiga („The iPod human“), Smosh, Ray W. Johnson, sxephil, Die Aussenseiter (die waren mal kreativ) und so einen seltsamen Jungen, der sich am Ende als ältere Kunstwissenschaftsstudentin entpuppte… irgendsone… Coldmirror. Davon mochte ich keinen. Zumindest nicht genug, um sie zu abonnieren. „Harry Potter und ein Stein“ von Coldmirror war damals in aller Munde. schon allein durch den kleinen Rechtsstreit, den sie hatte. Egal, wie man ihren Humor fand, man kannte es. 2008 sah ich es dann endlich zum ersten Mal und meinen Gesichtsausdruck könnt ihr euch sicherlich vorstellen… (Dies wird der 3-Punkte-Beitrag, glaube ich) Ihre regulären Videos konnte ich mir schon eher ansehen. Einige Gags fand ich schnell gut, einige geschmcklos. Für mich ist aber noch immer ein Rätsel, wie Die Aussenseiter oder Applewar Pictures mehr Zuspruch erhalten konnten.

© „YouTubers React To Charlie Bit Me All Grown Up“ von TheFineBros, 21.06.2015.

Damals gab es kein richtiges Yt-Deutschland. Manche deutsche Youtuber haben es auf Englisch versucht, sind damit aber gescheitert. Mal sah man etwas zu Angie, dem Tokio Hotel Fan oder Emo Cindy, die einen Bollo suchte. Das waren aber keine Kanäle, auch wenn der Kanal von Diamond of Tears im Kontext der Emoszene ein Name wurde. Simon Desue war bekannt, leider. Sami Slimani war bekannt, auch leider. Beides Kandidaten für Reißerische-Überschriften-führen-zu-Klicks-Videotiteln. Simon Desue alias Halfcast Germany hat es unter anderem geschafft, „Obama wurde ERSCHOSSEN“ in den Titel zu packen. Und worum ging es? Um nichts. Es reichte bei mir aus, um ihn anzuschreiben und das Video zu melden. Übrigens konnte man damals jeden Youtuber direkt anschreiben. (Man konnte sogar Endlosunterhaltungen in den Diskussionsseiten des Youtubers führen!) Sami Slimani alias Herr Tutorial hat angeblich sogar falsche Kategorien eingesetzt. Also: Damals konnte man ein Video noch ganz zuverlässig über eine Kategorie finden, zum Beispiel über die Kategorien „Tiere“ oder „Unterhaltung“. Bis man herausfand, dass gut laufende Kategorien ein Mittel zur Klickgenerierung sind, auch wenn das Video rein gar nichts mit dem Thema zu tun hatte. So begann der „Hate“ den beiden gegenüber und wegen einigen anderen Geschichten.

Die von Chrisoph Krachten (der mit dem Karo-Hemd) gepriesene Yt-Community wurde schnell anstrengend für mich. Die Leute genossen ihre Anonymität, sowohl Ersteller als auch Zugucker. Es gab eine Menge Beleidigungen und man schrieb vieles in Großbuchstaben. Da ich mich vorher viel in Diskussionsforen aufgehalten habe, war das nichts neues für mich. Neu war für mich aber der offene Rassismus, offene Todeswünsche, respektlose Forderungen an Frauen oder das Preisgeben von Namen und Adressen. Youtube hat so viele Designänderungen eingeführt, um seriöser zu wirken. Ob es heute besser geworden ist, wage ich zu bezweifeln. Als Vlogs immer häufiger zu sehen waren, sich Leute vor die Kameras trauten und zeigten, wie… knuffig sie sind, hat sich der Ton ein bisschen geändert. Es gab die Aggro-Vlogs, die Rants, aber die besseren Kameras und Mikrofone hatten die Knuffigen. Sowie Fans, die zu vielem bereit waren. Heute sind gute Technik und ein freundliches Wesen Standard. Rechtschreibfehler oder Top-Kommentare waren mir immer lieber.

Erste Videos und Kanäle

Es blieb nicht extrem viel übrig, was ich auf Yt hätte gucken können. Ein paar Monate nach der Anmeldung bekam ich im zweiten Semester zum ersten Mal 24h-Internetzugang. Nun, es war keine gute Idee. Genau dann wusste ich aber endlich, was ich mit Yt anfangen könnte, außer selbst Videos machen. Ich entdeckte „Atheismus“ als Suchwort für mich. Mich interessiert das Thema noch heute und die Videos der Yt-Atheisten sind Infotainment. Ich kann es nicht beschwören, aber der zweite Kanal (nach einem Flamencokanal?), den ich abonniert hatte, müsste thunderfoot gewesen sein. Grund war eigentlich, dass Atheismusvideos auf Yt immer so lang sind und ich mir seine Videos vormerken wollte. Geguckt habe ich am Ende vielleicht fünf, wahrscheinlich mehrheitlich zum Einschlafen. Es ist auch etwas zäh. Heute wettert er lieber über Feministinnen.

Man kann zu Atheismus und Agnostizismus viele wirklich gut gemachte Videos sehen, bei denen sachlich argumentiert wird. Einreihen konnten sich auch Dark Matter 2525, Samination („Messed-up Bible Stories“) und The Amazing Atheist, der heute kaum noch über Atheismus redet. The Amazing Atheist (T. J. Kirk), den ich bis heute abonniert habe, hat einige schöne Beobachtungen zum Leben allgemein und in den USA. Als Person ist er etwas gewöhnungsbedürftig, aber das tut dem oft selbstironischen Humor nicht ganz ab. Er war kein großer Fan von Ray W. Johnson und pflegte Feden mit anderen Youtubern. Interessant ist aus heutiger Sicht, dass er ausgerechnet thunderfoot Schwäche vorwarf, obwohl er heute selbst nicht mehr der alte ist. Es gab aber auch einige Aktionen, auf die er heute vermutlich gerne verzichtet (fragt einfach das Internet). Ungefähr zeitgleich entdeckte ich den Kanal The Young Turks, der heute eine ziemliche Propagandamaschine geworden ist. Ich fand immer mehr Interesse an der Politik in den USA und schaute Videos von Fox News, The View (eher wie Frühstücksfernsehen, mit Whoopi Goldberg), Interviews mit Richard Dawkins und Christopher Hitchens oder Comedysendungen mit Bill Maher und Jon Stewart. Insgesamt wird man bei dem Thema erschreckend gut unterhalten. Mir wurde klar, dass Politik in den USA ein bisschen anders läuft als hier. Lange, bevor Obama und Palin auf Youtube ihr Zuhause fanden, gab es Talkshows und Berichte zur Lage der Nation.
Fox News ist ein Format, das ich erst verstehen lernen musste. Es heißt „News“, bringt aber Kommentare von eher unprofessionellen Medienpersonen. Die Moderatorinnen haben sogar einen Dress- und Haarfarbecode. Gerne bezeichne ich sie als „L.A.M.E.“ (Laura I., Anne C., Michelle M., Elisabeth H.), was in einem offiziellen Statement bei Fox News in Ordnung wäre. Der Sender erinnert eher an einen schlechten Film. Wiederholt kam in solchen Videos die Verbindung zwischen Christen (Fox News-Mitarbeiter müssen öffentlich zu ihrem christlichen Glauben stehen) und Atheismus (im Prinzip jeder kritische Gast bei und Kommentar über Fox News). Die Videos auf Youtube zu den genannten Namen zeigen nur einen kleinen (wahnsinnigen) Ausschnitt des politischen Alltags dort drüben, aber die USA scheinen ein verdammt religiöses und konservatives Land zu sein, wenn sich so etwas wie Fox News am besten halten kann… Wenn man Fox News kennt, ist die Art von The Young Turks vielleicht gar nicht mehr schlimm. Wann immer mir langweilig ist, suche ich auf Yt nach neuen Videos zu Fox News und lass mich von Bill O’Reilly und den anderen Konsorten berieseln. Eigentlich kann das nicht gesund sein.

Nachdem ich die ersten Yt-Kanäle widerwillig abonniert habe, ging es danach immer leichter. Kunst-/Kurzfilme waren nie wieder ein Thema für mich. Die Gruppenfunktion auf Youtube wurde eingestampft, es wurden wenige davon hochgeladen und trotz meines langjährigen Abos, habe ich beim Kanal Future Shorts keine Videos angesehen. Später eher Rezensionen zu aktuellen Filmen oder Serien. Einer meiner Lieblingskanäle war von Spill.com (sie sind wieder da: DoubleToasted.com), bei dem alle Reviews animiert waren. Außerdem schaute ich manchmal bei That Guy with Glasses und dem Manga-Reviewer Gigguk vorbei. Lust auf Filme oder Serien bekam ich dadurch trotzdem nicht. Meine Filmphase endete wohl mit dem Schulabschluss… Lediglich Dinge aus Großbritannien hatten eine Chance. (Zwei Serien, die ich über Yt fand, habe ich auf diesem Blog ja bereits vorgestellt). Ich schaute auch viele BBC-Dokumentationen und Shows von Channel 4. Im Prinzip waren gute Dokus und Shows immer mein kleines Yt-Highlight. Anfangs habe ich sehr viele gesehen, leider genau dann, wenn ich Hausarbeiten schreiben musste… Es ist lustig, weil es Sendungen aus dem Fernsehen waren und ich aufhörte, Fernsehen zu gucken.

„Videospiele“ wurde ein weiteres Suchwort. Ich abonnierte unter anderem Reckless Tortuga und schaute Videos zu alten Spieleklassikern. Manchmal verirrte ich mich auf die Kanäle ein paar alter Let’s Player. Erinnern kann ich mich aber nur an Pewdiepie, der damals noch alle Spiele ungekürzt zeigte und überhaupt nicht wusste, was er vor der Kamera macht. Gronkh kam viel später mit der Minecraft-Welle. Es folgten Videos zu Tutorials, die endgültig dafür sorgten, dass ich auf Yt hängen bleibe. Sie begannen meist mit „How to…?“. Auf die Idee, etwas für mein Studium zu suchen, kam ich richtig spät. Allerdings merkte ich schnell, dass Yt keine Seite dafür ist. Genausowenig suchte ich nach alten Klassikern aus dem Fernsehen oder Musik. Auch nichts, um etwas zu lernen. Am Ende wurde Englisch meine Muttersprache, weil ich durch Kommilitonen und Yt wirklich viel auf Englisch kommunizierte. Es folgte ein verlinktes Video nach dem anderen, um am Ende bei Eiterbeulen oder japanischen Katzen zu landen. So oft ich mich darüber aufrege, bin ich erstaunlich lange angemeldet. Es ist zum Brechen. Gerade weil ich die Zeit der kleineren Kanäle vermisse, wo noch nicht jeder Geld verdienen konnte und nur ausgewählte Kanäle die Yt-Partnerschaft bekamen. Der Kommerz hielt Einzug auf Youtube.

es seufzt abgeturnt
a|fiction|esse

 

Nostalgie? Diesmal 100%-ig:

© „YouTube Layout Changes History 2005 – 2013“ von Casper Sho auf Youtube , 03.09.2013

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