Asozialer Mensch

Menschen haben Probleme, auch in der Öffentlichkeit. Eben habe ich ein Youtubevideo mit einem Kommentar zu „Asozialen“ und ihren Streitigkeiten  in der Öffentlichkeit geschaut. Der Videoersteller erzählte von einem jungen Paar, das gut hörbar am Streiten war. Auf ihn wirkte die Situation als würde es zwischen den beiden eskalieren. Wie er auch, musste ich an den Fall von Tuğçe A. denken, der mittlerweile automatisch mit dem Begriff „Zivilcourage“ verbunden wird. Mir sind ein paar Dinge in der Öffentlichkeit begegnet, bei denen ich fast eingegriffen habe oder es tatsächlich tat. Ich habe meine „Komfortzone“ verlassen, aber weise war es nicht unbedingt.

Menschen haben Probleme, auch in der Öffentlichkeit. Am liebsten sind uns Nachbarn, die man jahrelang nicht hört. Vor meiner Zeit im Irgendwo wohnte ich am Ostrand von Berlin. Die Familie unter uns schlug ihre Kinder gelegentlich, wie es fast überall vorkam. Mich wunderte daher nicht, warum die Kinder so frech sind. Meine Mutter beruhigte mich indirekt mit ihren Geschichten über die heißen Ohren und Gesäße ihrer Mitschüler, wenn die Eltern vom Elternabend kamen. Ihre Geschichten konnte sie schon immer komisch herüber bringen und ich machte mir über die Kinder unter uns keine Sorgen. Heute würde man vielleicht klingeln. Ob es wirklich nötig ist, bleibt für mich kompliziert zu beantworten.

Menschen haben Probleme, auch in der Öffentlichkeit. In einigen Berliner Bahnhöfen wie dem Rosenthaler Platz oder der Reinickendorfer Straße wird geraucht. Seit Monaten, ohne eine nennenswerte Präsenz der dickbäuchigen Sicherheitsbeamten, die sich immer zu siebt am Alex tummeln. Selbst Anti-Raucher-Ansagen höre ich nicht mehr. Umso neugieriger wurde ich, als ich in der fahrenden Bahn zu meiner Überraschung einen frischen Tabakgeruch bemerkte und einen Mann in der Mitte seines Bekanntenkreises rauchen sah. Ich weiß nicht, wie ich reagiert hätte. Auf den Bahnsteigen wundert mich lange nichts mehr. In der Bahn ist es etwas anderes. Es hat mir eindeutig nicht gepasst. Während ich den Mann ansah und über die Mitfahrer nachdachte, wie sie nicht reagieren werden, sich nicht zwischen ihn und seine Bekannten stellen mögen, sich sogar mehr mit seiner Herkunft als seiner Persönlichkeit beschäftigen könnten und mir klar wurde, dass ich bereits so lange zögerte, sprach ihn ein Mann im etwa gleichen Alter und mit großer Statur und kräftiger Stimme an. Ich stand genau zwischen den beiden. Zu beiden jeweilig war weniger als ein Schritt Platz. Der empörte Mann brachte allerdings überzeugende Argumente und ließ sich selbst von einem der Bekannten nicht abbringen, welcher noch meinte, es sei doch die Sache seines Kumpels, was er macht. Dieser wiederum lenkte aber ein und machte die Zigarette aus, um sich weiteren Ärger zu ersparen. Das war’s, kein weiteres Wort, keine Fragen, kein Warum.

Menschen haben Probleme, auch in der Öffentlichkeit. Eines Tages war ich an einem sehr großen Bahnhof im etwas edleren Mitte. Es war spät und ich hatte es eilig. Sehr eilig. Beim Vorbei Laufen an einem älteren Mann, entdeckte ich auf dessen Hinterkopf Blut. Es war zu viel, um es zu übersehen. Ich ging vorbei, konnte aber meinen Blick nicht abwenden. Ungläubig blieb ich irgendwann stehen und beobachtete gebannt, wie eine andere Frau ihn endlich ansprach. Daraufhin ging ich zurück und machte mit ihr etwas, was früher für mich undenkbar gewesen wäre: Wir hielten ihn fest. Dies ist nicht nur so dahin gesagt. Er roch nach Alkohol, murmelte eine slawisch klingende Sprache und war ärmlich gekleidet. Wir haben versucht, mit ihm zu reden. Er reagierte, aber ob alles ankam, blieb unklar. Immer wieder wollte er weiter gehen, doch wir wollten ihn davon überzeugen, dass es keine gute Idee sei mit dieser Wunde weiter zu fahren. Nur folgende Fragen taten sich auf. Woher kam er gerade? Wie ist das passiert? Wie wird es ihm in ein paar Stunden gehen? War Gewalt im Spiel oder ist er lediglich gestürzt? Die andere Frau holte schließlich jemanden vom Bahnhof, der sich um ihn kümmerte und den Krankenwagen holen wollte. Der Mann, der zwischendurch andeutete, wohin er gehen möchte, saß inzwischen auf unseren Wunsch hin. Die Frau und ich gingen zum Bahnsteig, noch immer etwas überwältigt und besorgt. Nach einigen Gesprächen mit meinem Onkel und jemandem vom Rettungsdienst war ich nicht mehr von meiner Handlung überzeugt. Dieser Mann war freundlich, aber es hätte anders ausgehen können. Vielleicht musste er Papiere vorweisen, die er nicht vorzeigen wollte. Wahrscheinlich musste er für die Krankentransportkosten aufkommen. Am Ende war es kein Alkohol, sondern Diabetes? Was habe ich getan?

Kopf. An der Mülltonne hörte ich von weitem eine Frau rufen und stöhnen. Sie wimmerte und wiederholte ständig Sätze. Zunächst dachte ich, sie hat etwas genommen oder steht neben sich. Gedanklich war ich wieder in den alten Vierteln, in denen ich früher gelebt habe. Dann kam das Wimmern näher und ein Weinen war zu hören. Plötzlich entdeckte ich einen Mann. Er stampfte wütend voraus und erst dann begriff ich, dass sie ihm hinterher rannte und um etwas flehte. Zwei oder dreimal wiederholte sich ihr Dialog am Eingang. Es war an Spannung kaum auszuhalten. Ich beobachtete sie aus der Distanz, ohne zu auffällig zu gucken. Je mehr der Mann mich bemerkte, desto schneller machte er die Tür auf. Niemand anderes war zu sehen und ich wurde langsam nervös, bei dem, was ich ihn reden hörte. Ich überlegte, da sie im Nachbarhaus wohnten, ob ich nicht über das Nachbarhaus zu mir nach Hause gehen sollte. Mein Schlüssel würde passen. Die Häuser sind miteinander verbunden. „Jetzt bist du fällig.“, sagte er ruhig aber verärgert. Sie heulte nur: „Es tut mir leid! Bitte nicht! Bitte!„. In meinem Kopf lief Hollywood Amok. „Die letzte Kriegerin“, „Nicht ohne meine Tochter“, „Thelma & Louise“. Ein letztes Mal riskierte ich einen Blick und schon waren sie im Haus verschwunden. Ich versuchte noch durch die offenen Fenster zu horchen, aber sie hatten den Flur bereits verlassen. Doch was habe ich eigentlich gesehen? Nichts. Was hätte ich getan? Auch nichts. Was hätte ich tun können? Vieles.

Nur in deinem Kopf hast du die Wahl. Flüchten, kämpfen oder erstarren. Vor etwa sieben Jahren schaute ich den ersten Videoclip zu „What would you do?“ mit John Quiñones oder zum neuen Trend auf Youtube „Soziale Experimente“. Menschen werden vor laufender Kamera in unangenehme Situationen gebracht und Zeugen von Problemen anderer. Helfen ist die klare Lösung. Nur gibt es da ein Problem. Ich fühle teilweise Adrenalin und das führt bekanntlich zur Schmerzfreiheit. In gefährlichen Situationen möchte ich anderen zur Seite stehen. Es ist jedoch weder meine Pflicht noch habe ich das Vermögen, anderen zu helfen. Natürlich, es gibt die Notfallkette: Bist du allein, halte andere an! Genau so funktioniert zum Beispiel erste Hilfe. Bist du allein mit einem Unfallopfer, halte andere an, die den Krankenwagen rufen sollen! Alles korrekt. Doch was tue ich, wenn ich die Situation nicht mehr beobachte? Wenn mein Körper handelt, ohne zu prüfen?

Wer bin ich. Wer bin ich, dass ich andere sekundenschnell beurteilen und richten kann? Unter dem besagten Youtubevideo stehen viele Kommentare, in denen die User schwören, sie wären zwischen das Paar gegangen. Sie reden von Kampfsport und körperlicher Fitness. Ein bisschen viel Theorie.

Tatsache ist jedoch, wir alle haben so eine Situation oder so einen Satz. Man könnte sie als agressionsbezogener betrachten. Es reicht eine Situation oder ein Satz, der sie dazu bringen könnte, aggressiv zu handeln. Das bedeutet, dass ihre Gedankennetze Begriffe und Merkmale stärker speichern, die mit Gewaltthemen zu tun haben. Es gibt eine Theorie, dass manche Menschen gewaltvoller assoziieren.

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