Was ich gerne vorher über das Studium gewusst hätte…

Eine Bekannte hat gerade ihren ersten Job begonnen, als Beraterin in einer fremden Stadt. Darauf wurde sie grundsätzlich nicht im Studium vorbereitet. Das hat mich zu diesem Text inspiriert. Denn es gab ein paar Dinge vor, während und nach dem Studium, die ich gerne vorher gewusst hätte. Mehr als nur „Lerne fleißig und nicht zu spät!“.

1. Eine Ausbildung ist nicht minderwertig

Es gab an meinem Gymnasium und in meiner Familie stets diesen Anspruch, auf die Uni zu gehen. Dabei wurde das Studium so hoch gelobt, dass man das Gefühl bekam, es mache unangreifbar. BS! Ich kenne Leute, die nach dem Abi eine solide Ausbildung gemacht haben und nicht nur Stellen fanden, sondern auch gut verdienen. Jeder Beruf hat seine Tücken, aber das gilt auch fürs Studium. Einigen Geisteswissenschaftlern würde es vielleicht besser gehen, wenn sie eine Ausbildung hätten. Du bist nicht automatisch dümmer als ein Student. Mit einer Ausbildung hast du dann nicht nur einen Abschluss, sondern auch Wissen und jahrelange Erfahrung (außer bei schulischen Ausbildungen). Das Alter spielt keine Rolle, was mich zum nächsten Punkt bringt.

2. Das Alter spielt keine Rolle

Ich habe mir den Altersdurchschnitt von Studenten im Fach x angesehen. Das erste Mal handelte es sich um eine offizielle Statistik aus den 90ern, das andere mal um eine interne Umfrage. Die Studenten waren im ersten Jahr durchschnittlich 25 oder älter. Es gab auch Leute, die aus einem intakten Berufs- und Familienleben kamen. Auf dem Arbeitsmarkt geht es deutlich diskriminierender zu, aber dort zählen angeblich in erster Linie Erfahrung und Wille. Man ist so alt wie man sich fühlt, schätze ich.

3. Früh absagen hilft anderen

Ich gehörte zu den Nachrückern. Meine Zusage kam erst kurz vor Semesterbeginn. Das führte nicht nur zu Chaos in der Wohnungssuche, sondern gab auch Ärger mit dem Bafögamt. Leider habe ich selbst auch einigen Unis nicht früh genug oder gar nicht abgesagt. Du musst immer daran denken, dass es irgendwo eine Person gibt, die für ihr Studium ans andere Ende des Landes ziehen würde.

4. Über „richtige“ Hochschulen

Unirankings werden da wenig helfen, befürchte ich. Die Massenunis haben oft alles: das interessante Fächerangebot, das wissenschaftliche Prestige und die wichtigen Kontakte. Dafür ist ein kleiner Campus aber ideal für Leute, die zum Beispiel schlecht organisiert sind oder eine Minute mehr mit dem Dozenten reden möchten. Für den Bachelor könnte eine kleine Uni interessant sein. Wichtiger finde ich aber, wie die Hochschule mit den Alumni umgeht. Meine alte Uni hat sich darum fast nicht geschärt. Erst eine kleine Studenteninitiative trieb ehemalige Studenten auf. Daraufhin gab es Vorträge, in denen sie über ihre Erfahrungen danach sprachen. Fachschaftsräte wiederum zeigen auf gewisse Weise wie professionell die Uni netzwerkt. Deine Entscheidungen könnten vom Alumninetzwerk und dem Fara positiv beeinflusst werden.

5. Partys sind leider doch wichtig

Um dich herum existiert die Schwarmintelligenz. Man muss nicht saufen, aber vielleicht mal einen Cocktail trinken. Man muss nicht um 4 Uhr bei anderen anrufen, aber vielleicht mal um 16 Uhr vorbeischauen. Was die anderen machen, kann gesund sein, gerade für Schüchterne oder Eigenbrötler. Man findet aber vor allem Vitamin B. Alle Nebenjobs, die ich während des Studiums hatte, bekam ich über Kontakte. Manchmal kennen andere die Prüfungsvorlieben bestimmter Dozenten oder haben von günstigen Rabatten gehört. Gerade bei Stress solltest du dich nicht isolieren! Soziale Kontakte bilden ein wichtiges Auffangnetz. Keiner wird an dich denken, solange du dich nicht bemerkbar machst.

6. Wohnungsnot ist nicht unnormal

Das Hostel, die Couch, der Zeltplatz, die Untermiete. Wer im ersten Semester ohne Bleibe ist, ist eigentlich nicht allein. Ich habe wochenlang im Hostel geschlafen, mit ein paar anderen Studenten, die mit mir abgeschlossen haben. Wir haben versucht, WGs zu gründen. Es kam irgendwie nicht zustande. Am Ende haben wir alle auf unterschiedliche Weise etwas gefunden. Ich habe sogar von Studenten gehört, die die Campingplätze fluteten. Keine Ahnung, wie man dort Handy und Laptop auflädt, aber man kann es für eine Weile in Kauf nehmen. Die Stadtregierungen können es zumindest.

7. Einmal geblinzelt ist alles vorbei…

Was für den Master zählt, sollte dich nicht kirre machen! Wenn du um deine Chancen für den Master bangen musst, läuft etwas schief. Viele Unis bieten nur circa 20 Masterplätze. Insofern muss jeder schauen, wo er noch unterkommen kann. Allerdings kann es sein, dass die Noten oder die Anrechnungsfähigkeit der Bachelorkurse extrem wichtig werden. Wenn dir das bereits vor dem Studium bewusst wird, ist der Studiengang oder das Studieren vielleicht nicht das richtige für dich. Allgemein solltest du lieber recherchieren als Lesen. Bevor das Studium endet! Durchschnittlich brauchen Absolventen sechs bis 12 Monate, bis sie einen Job haben. Ein Jahr länger studieren, ist riskant aber möglich. Die Regelstudienzeit halten nicht alle ein, wozu also die Eile? Hier ein paar Dinge, über die du spätestens im letzten Semester nachdenken solltest: Es gibt einige Verbände, Jobbörsen und Ansprechpartner für deinen Studienbereich. Manche Firmen deiner Branche sind so groß und damit beliebt, dass sich wöchentlich hunderte Leute bewerben. Irgendwo hast du Links, Flyer und Visitenkarten, die du zeitig wiederfinden musst. Wenn deine Uni keine Zeit für Beratungen hat, gibt es Profis, die Veranstaltungen zur Berufsvorbereitung anbieten (z.B. beim Hochschulteam). Damit du nicht beschissen wirst, ist Wissen über Einstiegsgehälter und das Arbeitsrecht vor deinem ersten Jobvertrag hilfreich! Den Theorieteil aus dem Studium wirst du nur zu 10% anwenden brauchen, wenn du Naturwissenschaftler bist vielleicht zu 20%. Was macht also: Lesen oder Recherchieren?

8. Als Absolvent bist du genauso wenig wert wie alle anderen

„Die anderen kochen auch nur mit Wasser“ hätte ich gerne schon in der Oberstufe gekannt. Einige Kommilitonen haben gute Noten bekommen, indem sie 98% der Folien auswendig gelernt haben. Gab es die Alternative, den Stoff direkt anzuwenden, haben sie lieber das Anwenden geübt, wie es aus sinnvoller ist. Selbst dann konnten sie aber nicht erklären, was sie dabei machten. Sie haben einfach imitiert, was im Buch stand oder was der Dozent gemacht hat. Es setzt sich heute keiner mehr hin und lernt diszipliniert durch. Manche saßen in der Bibliothek, für Stunden, und haben gepennt! Nach dem Studium bleiben häufig nur Scheine und Noten, die sich kaum von denen der anderen unterscheiden. Nichts als Theorie und heiße Luft. Praxiserfahrungen haben die wenigsten (außer durchs Abschlusspraktikum). Bleibt also nur deine Motivation, warum du dich fürs Fach entschieden hast und was dich an der Firma reizt.

9. Probieren geht über studieren

Dieser Spruch hat für mich viel Wahrheitsgehalt. Theorie ist gut und schön, aber selbst das Hospitieren oder ein Assessment Center-Training hilft mehr als Grübelei. Wenn du ein Praktikum machen kannst oder noch besser einen Job, tu es! Angeblich schauen die Firmen nur noch darauf. Es macht aber auch Sinn. Wer zum Beispiel im sozialen Bereich arbeitet, muss wenigstens selbst erlebt haben, wie Menschen ticken, bevor er richtig in den Beruf einsteigt. Es schadet nichts, sich vor und nach dem Bachelor ein Jahr lang der Praxiserfahrung zu widmen. Wie gesagt, das Alter spielt keine Rolle.

10. Die Ämter…

… wollen wissen, wo du steckst! Melde dich beim Bafögamt, sobald du den Wohnort wechselst! Jede Nicht-Meldung kostet dich Geld. Wenn du eine Versicherung hast, zum Beispiel die Krankenkasse, stehen dir besondere „Rabatte“ zu. Viele meiner Kommilitonen und ich wussten nicht, dass man sich von Krankenkassenkosten mit einem Kärtchen befreien lassen kann. Außerdem wusste ich bis vor kurzem nicht, dass ich bei meiner Krankenkasse noch als Studentin gemeldet war. Sofort die Exmatrikulationsbescheinigung vorzeigen, sonst darfst du alles nachzahlen! Angeblich müssen sich die Hochschulen darum kümmern, aber am Ende ist es dein Geld.

Das wichtigste von allem: Du bleibst Teil der Gesellschaft, egal wie.

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3 Gedanken zu “Was ich gerne vorher über das Studium gewusst hätte…

  1. Toller Beitrag. Das mit der Ausbildung kann ich nur bekräftigen. Mit meinem 1er Abi habe ich mich richtig gestresst auf der Suche nach einem interessanten Studium. Der Tag, als ich endlich begriff, dass ich nicht studieren muss, sondern dass mir jetzt einfach alle Türen offen stehen, hab ich mir eine Ausbilung zur Buchhändlerin rausgesucht. Und es nicht bereut.
    :)

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