Der seltsame Fall des Zhang Bin

Die äußerst traurigen Manhua von Zhang Bin, bei denen ich ins Grübeln kam…

Nach Jahren habe ich endlich die zwei Graphic Novels „Orange“ (2006) und „Remember“ (2004) vom chinesischen Comickünstler und Illustrator Zhang Bin gelesen. Besser ist er unter seinem englischen Namen Benjamin bekannt, mit dem er es ins Ausland geschafft hat und unter anderem hierzulande bei Tokyopop unter Vertrag ist.

Orange (2006)
Orange (2006) © Benjamin, Tokyopop

Die Cover der beiden Comics sprangen mir früh ins Auge. Die Geschichten sind komplett in Farbe gedruckt. Sein Stil ist geprägt von Realismus. Die Figuren wirken dreidimensional, sehen wie aus einem Videospiel oder einer hochwertigen Werbeillustration aus. Viele Panels behalten einen Skizzencharakter, jedoch sieht man in Benjamins Comics echte Menschen als Vorbild. Nicht sein Zeichenstil war Anlass für diesen Blogeintrag. Für seine Zeichnungen bekommt er nicht umsonst viel Lob. Es bleibt Geschmackssache. Mich hat eher das Gesamtpaket abgeschreckt. Die Inhalte, die Emotionen, Benjamins Tagebücher.

Gewisse Transparenz vertrage ich. Oft sind interessante Einblicke dabei. In einem Manga sind Schlussbemerkungen des Mangaka und auch des Verlegers Gang und Gebe. Bei Benjamin war das ein bisschen anders. Einen Beitrag zum seltsamen Magengefühl leistete Tokyopop im Vorfeld in der Beschreibung zu „Orange“ :

Orange wurde nach seiner Vollendung von Benjamins chinesischem Verlag als „zu deprimierend“ abgelehnt…

Alles auf Anfang. Benjamin ist Chinese. Nicht aus Taiwan, nicht aus Macau, noch aus der exotischen Stadt Hong Kong, sondern richtig aus dem sogenannten „Festlandchina“. Laut eigenen Aussagen haben seine Arbeiten viel Einfluss bekommen von den Erlebnissen seiner Jugend, der seiner Freunde und der heutigen chinesischen Jugend. Außerdem ist er geprägt vom chinesischem „Klima“ der Gegenwart und der Verlage, was er vermutlich in „Remember“ verarbeitet hat.

Mimik, Farben, Chaos. Es wird oft von Verlusten, Ängsten, Depressionen und Suizid gesprochen. Dem Autor sind offensichtlich Gefühle wichtig. In „Orange“ geht er sehr behutsam mit den Rottönen um. Nur im chaotischen Zustand ist Rot wirklich erlaubt. Seine Mädchen sehen aus als würden sie an der Überwältigung ihrer Gefühle zerbrechen. Einige Male springen die Figuren, ohne zu wissen, ob es wirklich geschieht oder ob es physikalisch möglich ist. Ständig taucht das Thema Desillusion auf. Seien es gehinderte Comiczeichner oder eine einseitige Liebe. Umzüge sind ein weiteres Thema. Erwachsene, die Schwierigkeiten machen. Das Allein sein.

Nach Manga wie „Eden“ oder „Confidential Confessions“ bin ich einiges gewohnt. Depressive Gedanken und Bilder in so einem Ausmaß allerdings nicht. Es könnte auch nur der Eindruck vom ersten Lesen sein. Benjamin ist ein Forscher und sehr gut darin, die Gefühle der tiefgründigen Charaktere zu untersuchen. Wo ist aber das Ende? Die Geschichten gehen nicht besonders lang. Zwar sind sie abgeschlossen, aber das Ende wirkt jedes Mal abrupt. Es muss kein Happy End sein, aber es ließ mich ratlos zurück. Es folgten in beiden Comics gefühlt endlose Illustrationssammlungen, Tagebucheinträge und der Lebenslauf. Ich bezweifle, dass es als Lückenfüller gedacht war. Dass man in einem Dramacomic mit ernsten Bemerkungen des Autors rechen sollte, ist mir viel später bewusst geworden.

Benjamin setzt sich für die chinesischen Comics ein. Gerade seine Geschichten, die von Trauer geprägt sind, – auch wenn es kein Depriporno ist – hatten es schwer mit der Veröffentlichung. Durch die Publikation im Ausland, fand er Zugang zum chinesischen Markt. Jetzt hat er vielleicht nicht mehr so viele Sorgen..? Man bekommt als Leser so viel Input aus dem Privatleben. Dabei muss er, wie auch in den Geschichten, nicht alles explizit ausformulieren. Ich konnte es nicht richtig einordnen und habe mir auch nicht alles durchlesen oder angucken wollen. Schon allein die Eingangsworte: „Vergesst dieses Buch nicht, vergesst diesen Autor nicht„. Zwar habe ich auf diesem Blog einen ähnlichen Satz über eine Fernsehsendung hinterlassen, aber als Fan und vielleicht auch im anderen Sinne. Mein erster Gedanke war klischeemäßig: „Soll das ein Abschiedsgruß sein?„.

Nun, ich kenne ihn nicht. Es ging auch nicht ständig um den Tod oder ähnliches. Benjamins Philosophien sind dennoch zu viel gewesen. Zu viel Intimität, zu viele Buzzwörter. Das hat mich an mir überrascht, wo ich mit Depressiven so viel Kontakt hatte. Ich hätte nicht gedacht, dass ich in diesem Moment nur abschalten und mich nicht mit den Belangen des Autors auseinandersetzen möchte. Vielleicht wollte ich seichtes Entertainment. Etwas lustiges, obwohl ein Comic nicht zwingend lustig ist. Auf jeden Fall hätte ich gerne längere Geschichten gelesen. Keinesfalls die ernsten Kommentare des Autors. Melancholie ist nicht schädlich, aber zum ersten Mal habe ich erlebt, wie sehr ich mich dagegen gewehrt habe. Dass ich dann noch den zweiten Comic anfing, grenzt an ein Wunder!

Normalerweise stelle ich nur Geschichten vor, die mir gefielen. Benjamins Geschichten bleiben kurz, wohl auch die neueren Werke. Er legt viel Wert auf die emotionale Lage der Figuren. Viel passiert nach außen hin nicht. Aber: Mich würde die Entwicklung von ihm als Autoren, nicht als Zeichner, interessieren. Er hat das Potential, gute Dramen zu schreiben. Er ist über 40, ein Pluspunkt. Außerdem kennt er bereits viele Städte, so auch Peking und Shanghai. In einem französischen Interview sagte er, dass er bisher sehr zeitintensiv arbeitete und Manhuakünstler völlig andere Szenarien verwenden als die Japaner, mehr über das Zeitgeschehen. Fragt sich, ob er seinen Themen treu bleibt. Desto spannender bleibt, ob er sich erzählerisch weiter entwickeln wird und welche Rolle diese Schlussbemerkungen vielleicht gerade für Künstler aus dem „Festland“ haben werden.

Offensichtlich war hier nichts für mich dabei. Ich weiß nicht, was ich bei einem Drama großartig erwartet hätte. Außer eben längere Geschichten mit einem größeren Spannungsbogen. Natürlich fehlt mir die Erfahrung mit vielen anderen Graphic Novels, wo es genauso sein könnte. Dass sich der Autor im Comicgenre derart als Mensch zu Wort meldet, hat mich jedenfalls wach gerüttelt.

Wie empfindet ihr die Geschichten und Texte von Benjamin? Interessieren euch die Schlussbemerkungen von Autoren? Haben diese Texte schon einmal nachhaltig eure Wahrnehmung der Geschichten beeinflusst? Gibt man Comicautoren und -zeichnern zu wenig Aufmerksamkeit?

ziemlich nachdenklich…
a|fiction|esse

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3 Gedanken zu “Der seltsame Fall des Zhang Bin

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