Wählen und Kritisieren

Was hat ein Hobbyblog mit Demokratie zu tun?

Das schönste Fach in der Schule ist Mathematik. Denn dort gibt es nur „richtig“ und „falsch“. Danach folgen Bibel-/Koran-/anderer Religionsunterricht in der eigenen religiösen Community. Manchmal wird es „vielleicht“ und „selten“, aber im Grunde „richtig“ und „falsch“. An den 10 Geboten weiß man schließlich, woran man ist, ey.

Ich könnte mir auch einen Ehemann besorgen, der auf devote Frauen steht. Dann folge ich dem Mann und all seinen Meinungen, sage unseren Kindern, sie sollten dasselbe tun und darin glücklich werden. Es muss ja kein Kerl sein, einige Frauen stehen auch auf devote Frauen. Hauptsache nicht hinterfragen. Dann haben alle ihre Ruhe und können in Frieden gehen.

Was den Staat angeht, kann mir vieles egal sein. Als Grundschülerin habe ich dem werten Präsidenten einen Brief geschrieben, in dem ich mich über die Rechtschreibreform beklagt hatte. Er fand das ganz toll. Mit meiner ersten Bundestagswahl war ich ganz zufrieden. Ich hatte ja in der Probewahl innerhalb der Schule bereits Erfahrung gesammelt und gesehen, dass die Mehrheit meines Jahrgangs für Tier- und Umweltschutz war. So wie es wahrscheinlich die meisten politischen Studien über das Jungalter prognostizieren würden. Sobald alle dann im mittleren Alter sind, so die Studien, werden die Meinungen konservativer. Im Klartext, es ändert sich gar nichts.

Ich bin immer noch idealistisch und vielleicht auch engagiert, aber die Nachrichten wiederholen sich. Sei mir nicht böse, aber wenn ich nach vier Monaten die Nachrichten gucke, scheine ich nichts verpasst zu haben.

Dann sind da die anderen. Zum Beispiel auf WordPress. Die ‚Wahrheitssager‘. Die ‚Hassprediger‘. Das sind die Typen, die man meldet, aber im Grunde nicht melden kann, weil es ja gegen die Meinungsfreiheit verstoßen würde. Und du weißt am Ende ganz genau, egal wie polemisch und eklig die Texte, Bilder und Blogs daher kommen – staatsdienender und landestreuer Mitbürger, die sich nicht länger der Masse anschließen wollen – es ist völlig egal, ob sie verschwinden, denn auf der anderen Seite wird auch mit schmutziger Wäsche gewaschen. Dann ist es mir egal, ob der eine Putin super findet und wieder ein anderer ein Attentat auf ihn unterstützen würde.

Übrig bleibt der Grundbaustein Kritik. Ein Gewürz. Manche nehmen es nicht und andere zu viel. In der Schule haben wir gelegentlich Übungen gehabt, um das Mittelmaß zu finden. Diskussionsrunden, Erörterungen oder was es nicht alles gab. Verboten war allerdings, zu persönlich zu werden. Wie kann man in einer Diskussionsübung persönlich werden? Gewisse Formulierungen waren auch nicht gerne gehört oder wurden belächelt. Mit den Jahren bekam das Wort „Kritik“ plötzlich eine negative Konnotierung und es sollte nur noch Kritik geben, wenn sich jemand gemeldet hat oder ohne Vorbereitung vom Lehrer ran genommen wurde. Für interne Konflikte gab es ein Gepräch mit dem Lehrer oder was die Klassensprecherkonferenz ergab.

Viele Worte werden überflüssig, wenn es keinen Anlass zur Kritik gibt. Oder einem erzählt wird, es gäbe keinen Anlass. Nur gibt es eben IMMER Anlass zur Kritik. So sehr die Deutschen auch über schlechten Service meckern, es ist angebracht. Dann gibt es eben hunderte Talkshows in den USA, es ist trotzdem angebracht. Die Briten sind verrückt nach Debattierclubs, aber es ist angebracht. First World Problems in Form von Aufregern zu neuesten Handys, Spielen oder Serien. Nun, es ist angebracht.

Denn wir haben eine Wahl. Das Recht zu wählen, bedeutet Existenzen zu sichern. Wer nicht sein darf, wie er ist, ist nicht lebendig. Jede Wahl darf einer Erklärung und Kritik vorausgehen. Unsere Wahlen bestätigen unseren Charakter.

Lediglich die Kunst scheint der einzige Bereich zu sein, in dem Kritik erwünscht wird. Sich frei zu bewegen, das Abwägen zu üben, zu analysieren. Man muss in der Kunst nichts machen, was total verkopft ist. In der Philosophie hängt an jedem Wort ein Fachbegriff dran. In der Kunst kann man etwas machen, was verkopft ist. Man muss aber nicht. Für mich ein weiterer Grund, warum kulturelle Bildung nicht untergehen darf!

Warum gibt es so viele Blogs? Hast du dich das jemals gefragt? Jede Woche ein neuer Animeblog mit denselben Rezensionen. Die Blogger entwerfen ein Ratingsystem und stecken so viel Liebe ins Detail. Einmal gibt es 4 von 5 Möhrchen. Andere vergeben insgesamt 100 Punkte. Es wirkt so lächerlich.

Aus umwelttechnischen Gründen und die Informationsflut und Redundanz betreffenden Gründen würde ich sagen, dass Blogs überflüssig sind. Was aber das Sein angeht, kommt jeder Blogger genau in die Situationen, auf die es mir hier ankommt: Wählen und Kritisieren. Erste Entscheidung: Blogthema. Zweite: Zeitlicher Aufwand. Jede Rezension, egal wie amateurhaft sie auch ausschauen mag, ist eine Übung zur Kritik.

„Kleinigkeiten“ wie diese schaffen unsere Persönlichkeit. Jede Entscheidung und wachsende Kritikfähigkeit schafft Selbstbewusstsein. Denn du verstehst deinen Blog nicht nur als Blase, in der man leben kann. Du lernst, dass deine Anliegen berechtigt sind. Es mag nicht direkt dabei helfen, die Welt zu verbessern. Es trägt aber dazu bei, dir diese Freiheiten nicht kleinreden zu lassen. Denn es gibt IMMER Anlass zur Kritik. Einen Anlass für jedes Individuum.

schaut aufs heutige Datum…
a|fiction|esse

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