„12 days“ (2007): Loslassen muss man lernen

„12 days“

Beim ersten Comic, den ich vorstelle, handelt es sich doch tatsächlich um einen Manhwa (koreanischer Comic).  Er ist keine leichte Kost und spült Ängste heran, die man nicht haben möchte. In der Geschichte von June Kim geht es um den Verlust des eigenen Partners und den manchmal noch immer bitteren Alltag einer Lesbe.

Der Band enthält: eine verzweifelte Ex, Asche-Shakes, Diebstahl, morbiden Humor, ein Apartment, Hund und Katz, eine verhängnisvolle Hochzeit, einen treuen Bruder, Zigaretten

Cover 12 days June Kim
Cover | © comixology.com

Manhwa sind den Manga sehr ähnlich. Besonders viele konnten sich in Europa aber noch nicht durchsetzen. Das Krönchen trägt noch immr der Manga. Die Zeichnungen bekannter Manhwakünstler wirken oft sehr viel realistischer und erwachsen. Die Figuren könnten mit ihren Körpern, Gesichtern und den Kleidungsstilen auch direkt aus einer Modezeitschrift stammen. Ein Blick in „12 days“ verrät, dass auch June Kim trotz der Nähe zu US-Comics und japanischen Manga den koreanischen Stil verinnerlicht hat. Sie ist studierte Geisteswissenschaftlerin und Designerin aus Korea und lebt in den USA.

Handlung: Jackie Yuen lebt ihr Leben momentan nur in ihrer Wohnung. Die einzigen Kontakte, die sie nun hat, sind ihre Katze Claire und ihr Ex-Schwager Nick. Nach vier Jahren Beziehung verunglückte ihre Ex-Freundin Noah, die Liebe ihres Lebens. Einen Monat später bittet Jackie den Bruder von Noah, Nick, deren Asche aus dem Haus der Eltern zu stehlen und ihr zu überlassen. Denn sie glaubt, die Trauer nur überwinden zu können, indem sie innerhalb von 12 Tagen die Asche ihrer ehemaligen Partnerin einnimmt. Ihr Ziel ist es, sie komplett aus ihrem Gedächtnis zu löschen. (Tokyopop – Altersempfehlung: 15)

„12 days“ erschien 2007 als Einzelband. Es ist Kims erste Graphic Novel. Sie widmete es einer Frau, deren traurige Erinnerungen an die eigene Ex-Freundin Kim vor Jahren zu der Geschichte inspirierte.

Was „12 days“ so speziell macht

Es passiert ja eigentlich nicht so viel, oder? Man hat eine eine Gruppe von Personen, eine davon eine Katze, und die beschäftigen sich 12 Tage lang mit den staubigen Überresten einer Frau. Ganz banal. Ab und zu fällt dann halt eine Unterhaltung wie:

Welcher Teil von Noah ist das?
Zehen.

Es wird auch mit Zubereitungsarten experimentiert und dann eh wieder alles ausgek… Dann ist da ja noch die Ursache für all die Trauer: Eine gescheiterte Beziehung. Lange Zeit war Jackie offiziell nur die „Mitbewohnerin“. Ein Treuegelübde gab es wohl auch niemals. Noah ist die Sorte Partnerin, auf die man gut verzichten kann. Alles ganz banal.

So seltsam und verstörend die Geschichte klingt, das eigentliche Highlight von „12 days“ ist die Charakterbeschreibung. Die Charaktere Jackie und Nick liefern sich gelegentlich ein paar Streitereien, mit One-Linern und der Reue danach. Jackie hängt in der Luft, ist eine Chaotin und eben ziemlich verzweifelt. Als Nick die gestohlene Asche an Jackie abgibt und er neugierig fragt, was sie eigentlich damit machen will, sagt sie: „Ich musste irgendetwas tun. Sonst wäre ich verrückt geworden.„. Alles klar! Ihm fällt dazu nur ein stoisches „Was du nicht sagst.“ ein. Als er auch einmal die aufgelöste Asche probieren will und droht, sie wieder auszuspucken, klaut Jackie ihm die Flüssigkeit direkt aus dem Mund. Soweit die Protagonistin unserer Story. Sie meint es übrigens ernst.

Nick ist quasi das investigative Element der Geschichte. Auch wenn Jackie im Mittelpunkt steht, scheint alles eigentlich aus seiner Sicht zu sein. Er findet die Dinge heraus. Mit dem Verlauf der Geschichte geht er stückchenweise zu den Anfängen der Beziehung zurück. Am Ende verrät er Jackie Noahs Geheimnis, bevor die Geschichte auf den letzten Seiten im Kapitel 0 noch eine, sagen wir mal, unerwartete Information bereit hält. Als Bruder von Noah muss auch er zusehen, wie er mit dem Verlust klar kommt. Er kümmert sich um alle. So ganz klar ist aber nie, was er eigentlich von der Ex seiner Schwester hält.

Dem Thema Tod und Trauer widmet sich Kim sehr ausführlich. Die Handlung beginnt mit den Worten: „Noah kommt zurück.„, was zu den Erinnerungen passt, die Jackie boomerangartig hat. Zur Beerdigung ging sie nicht, was sie später bereut. Sie hat Noah nicht richtig verabschieden können. Im Grunde gingen beide im Streit auseinander. Das letzte, was Jackie zu ihr sagen konnte war, dass sie ausziehen soll. Jeder weiß, wo er am 11. September war. An dieser Stelle, denkt man aber vielleicht auch darüber nach, was er einem Verstorbenen zuletzt gesagt hat. Wenn man dann auch noch verletzt ist und nicht mehr anders kann als nur an diese Person zu denken, hat man so ungefähr einen Einblick in Jackies Gedanken- und Gefühlswelt.

Künstlerische Machart

Der Vorteil eines Comics gegenüber einem Film ist, dass man jedes Panel (Kästchen, einzelnes Bild)  in Ruhe wahrnehmen kann. Denn in den Panels passiert viel. Man kann den Figuren bei allen Aktionen zusehen. Kims Zeichenstil ist sehr eingängig, wenn auch durch die realistische Darstellung der Figuren etwas kühl. Es gibt sehr viele verschiedene Perspektiven. Die Objekte sehen aus als könne man sie direkt aus dem Buch ziehen. Bei all der Tragik kann sich der Manhwa aber nicht so ganz entscheiden, ob er traurig oder doch lustig ist. Am Rande gibt es kleine, schon fast slapstickartige Einschübe. Dann sieht man die Figuren auch mit Strichmännchengesichtern.

Insight von 12 days, June Kim
Zeichnungen im Manhwa, Nick übergibt die Asche. | © June Kim, junekillustrations.com

Hier haben die Charaktere schmale Augen, lange Nasen und „volle“ Lippen. Sie tragen richtige „Klamotten“, wie man sie halt gerne ganz lässig anzieht. Dabei werden viele Outfits gezeigt, was die Alltagsszenen noch glaubhafter machen. Jackies und Noahs Portraits kommen ohne kurze Haare, Muskelshirt oder weite Hosen zurecht. Es gibt weder  großartige Liebesszenen noch Schwärmereien mit großen Mädchenaugen. June Kim, selbst lesbisch, verzichtet auf Klischees und erotisierende Bilder.

Zeitlich passiert das meiste in den benannten 12 Tagen. Zwischendurch kommen Erinnerungen, die man als Leser manchmal selbst erkennen muss. Einmal geht es zwölf Jahre zurück, dann bricht plötzlich der vierte Tag an und irgendwann erfährt man davon, was vor einem Jahr geschah. Diese Zeitsprünge machen einen großen Teil der Geschichte aus. Das Gefühl, es handelt sich hier um komplizierte Familienverhältnisse, ist eine Folge des ganzen Hin und Her. Nick ist nur der Halbbruder und hat irgendein Problem mit dem Vater. Erzählt wird das vielleicht in einigen Nebensätzen und Erinnerungen.

 

Meinung und Fazit: Rein optisch ist der Comic sehr ansprechend. Sowohl Objeke als auch Figuren sehen toll aus. Es könnte auch Produkt- und Modedesigner interessieren. Die Geschichte wird durch die freiwillig komischen Einschübe leichter und verzichtet auf die Trauergeige. Prinzipiell würde ich mich über eine Fortsetzung mit einer nicht mehr trauernden Jackie freuen. Sie ist sehr sympathisch. Dennoch ist es nicht unbedingt die spannendste Geschichte. „Langweilig“ wäre das falsche Wort. Es bleibt aber empfehlenswert, weil es nicht viele Manga bzw. Manhwa wie diesen gibt. Es weckte bei mir sogar die Frage, was ich persönlich machen würde, wenn der letzte Moment mit einem geliebten Menschen ein schlechter gewesen wäre. Obwohl die Beziehung zwischen Jackie und Noah auf jeder Seite thematisiert wird, geht es nicht ums lesbisch Sein an sich. Für echte Homosexuelle kann die Geschichte neben all der Sexualisierung und Verniedlichung von Lesben in Manga erfrischend sein. Abschließend muss ich nach zweimaligen Lesen feststellen, dass ich die Geschichte heute mehr wertschätzen kann als 2007. Vielleicht habe ich jedoch jetzt einfach das richtige Alter dafür, um mehr davon zu verstehen.

Für wen? Wenn du die Mitte 20 erreicht hast und Beziehungen schon kennen gelernt hast oder du so richtig auf Melancholie stehst.

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7 Gedanken zu “„12 days“ (2007): Loslassen muss man lernen

  1. Danke für dieses Review, die außergewöhnliche Geschichte und die Umsetzung klingen sehr interessant! Ich finde übrigens auch, dass Manhwas viel zu selten genug Wertschätzung erfahren. Aber vielleicht kommt das ja noch und wir finden bald häufiger koreanische Schätzchen im Comicregal.

    • Danke. Es gab mal eine Phase, in diesem Zeitraum ungefähr, wo viele Manhwa in den Bibliotheken zu finden waren. Die Zeichenstile waren schon unterschiedlich, aber komplett anders. Auch die Inhalte waren irgendwie eher an Ältere gerichtet, hatte ich das Gefühl. Zum Beispiel „I.N.V.U.“, „Model“ und „Snow Drop“.

      • Ich kenn die natürlich mal wieder alle nicht, aber hab mal kurz gegooglet. Also bei „Model“ find ich den Zeichenstil echt cool, könnt ich mir vorstellen den zu lesen. Der Stil von „i.n.v.u.“ liegt mir gar nicht, aber das ist ja Geschmackssache und bei „Snow Drop“ schrecken mich ehrlich gesagt, die arg beziehungslastige Story und dass es als „Korean Shojo“ beschrieben wird, ab.

      • Es gibt ne Menge Manhwatitel, z.B. bei Wikipedia. Vielleicht findest du noch etwas. „Demon Diary“ ist zum Beispiel wieder ganz anders. „Model“ ist auch etwas verstörend, aber nicht, wenn du auf Sachen wie „Interview mit einem Vampier“ oder „Twilight“ stehst. Viele bekannte Titel kommen aber wieder eher aus der seichten Romantikecke, wie halt „I.N.V.U.“ oder „Shi Hwa Mong“.

      • Heh. Nee, Twilight hab ich bisher mit Absicht gemieden. Aber Ich wollte mich noch in so vielen Sparten umschauen, vielleicht mach ich demnächst mal zum Kriterium, dass es Manhwas sein müssen. :)

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