„Warum verteilen Cosplayer Umarmungen?“

… hieß es gestern in den Suchanfragen. Beim Lesen war ich schon etwas verdutzt. Umarmungen sind doch so wohltuend in dieser kalten, kalten Welt. Was braucht es da für eine Erklärung? In der Frage ging es scheinbar um etwas ganz bestimmtes. Es gibt einen Trend aus Australien, bei dem seit 2004 in allen möglichen Städten Umarmungen ohne Gegenleistung für Passanten angeboten werden.

Eigentlich aus einer depressiven Laune heraus, machte der Australier Juan Mann gleich eine ganze Kampagne daraus. Jeder soll Gratisumarmungen bekommen, egal wie er sich fühlt, woher er kommt und wohin er geht. Alles freiwillig für ein bisschen Menschlichkeit im schnellen Alltag. Die Idee kam in der ganzen Welt gut an, wurde zigfach kopiert und poppte so auch in der Manga-Community auf. Deswegen sieht man sie auch auf den Conventions, die berühmten „Free Hugs„-Schilder.

Es ist völlig unabhängig davon, ob man als Cosplayer oder in zivil herumläuft. Jeder kann sich ein Schild basteln oder ein T-Shirt anziehen, worauf klar und deutlich „Free Hugs“, „Free kisses“ oder noch so anderes zu lesen ist. Wer möchte, kann dann auf die Person zugehen und sich mal ordentlich drücken lassen. Oder eben etwas anderes bekommen. Ist wohl eine Frage der Offenheit. Die Gratisumarmungen gibt es jedenfalls auch als ‚Gruppenkuscheln‘. Manche lassen sich dabei gerne fotografieren oder filmen, könnte aber auch mit der Attraktivität des Anbieters zusammenhängen.

Ist es verrückt? Vielleicht. So unterschiedlich, wie manche auf das Angebot eingehen, hat da jeder Mensch eine andere Assoziation und ein anderes Bedürfnis. Ich bin jetzt auch nicht so der Kuschler und mache vor allem um Leute einen Bogen, die neben dem Schild auch noch laut „Lust auf ne Umarmung?“ rufen. Was man aber festhalten kann, ist die positive Wirkung auf verschiedenen Ebenen der Wahrnehmung. Hier kommen die Phänomene Umarmung, Überraschung und Gratisprodukt zusammen. Das kann Einflüsse bringen wie zum Beispiel:

  • einen hohen Ausstoß an Oxytocin („Kuschelhormon“), was wichtig beim  Bindungsverhalten und in Beziehungen ist
  • nicht zu vergessen, dass man dabei auch andere Menschen, potentielle neue Freunde, kennen lernen kann
  • gute Stimmung lässt uns weniger kritisch sein, man erinnert sich leichter an positive Dinge (Stimmungskongruenz) und handelt oft prosozialer bzw. hilfsbereiter
  • einen stärkeren Zusammenhalt in der Community (Gruppenkohäsion), wodurch man sich gegenseitig mehr Vertrauen schenkt und selbstbewusster in der Gruppe auftritt
  • das Konzept, welches man über die Umwelt hat, kann erweitert werden („die Welt ist doch nicht schlecht“)
  • Gefühle der Einsamkeit verfliegen, wenn auch nur für einen kurzen Moment
  • man fühlt sich geliebt, mehr Motivation kann es kaum geben

Ich glaube, dass einige dem Angebot nachkommen, weil sie Mitleid mit dem wartenden Schildhalter haben. Wer hilft, verlängert seine gute Laune. Es gibt aber auch zahlreiche Situationen, eher auf Conventions, wo Gruppen Umarmungen anbieten und einfach jeder hinzukommt, der die Aktion lustig findet. Hat man die Überraschung und Verwunderung über die Leute überwunden, die wie aus dem Nichts mit Gratisumarmungen werben, kann das ganze sicherlich auch Spaß machen. Die meisten, die ich gesehen habe, waren Durchschnittsbürger. Keine perversen, ungewaschenen Diebe.

Die Idee passt vielleicht so gut zu den Cosplayern, weil das Vorurteil vom Nerd und Geek noch immer in unseren Köpfen herrscht. Leute, die sich selbst im hohen Erwachsenenalter mit Comics, Spielen und Zeichentrickfilmen die Zeit vertreiben, sich Fantasiekostüme anziehen und Außenseiter bleiben. Was haben die schon für Freunde im Leben? Geschweige denn Beziehungen? Na ja, auf manche trifft das vielleicht zu. Es gibt Menschen, die im normalen Alltag wenig Respekt erhalten, jedoch bei der Kampagne genauso behandelt werden wie alle anderen.

Letztenendes steht die Kampagne aber auch für Frieden und Liebe. Manche reagieren da emotionaler und aktiver. Bleibt also nur zu sagen: Alles eine Sache der Freiwilligkeit.

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8 Gedanken zu “„Warum verteilen Cosplayer Umarmungen?“

  1. Da bin ich ganz deiner Meinung. Fürs kuscheln braucht man schließlich keine Erklärung, denn Menschen sind meiner Ansicht nach nicht darauf ausgelegt, ständig allein zu sein und nie Körperkontakt zu haben. Auch wenn ich die Free-Hug-Kette auf dem Japan-Tag z.B. ein wenig übertrieben fand, finde ich doch, es sollte free hugs für alle geben, die welche möchten! ;)

  2. Ja das mit der Freiwilligkeit ist manchmal so eine Sache. In der Münchener Innenstadt waren ein paar Leute, die zwar auf ihrem Schild „Free Hugs“ geschrieben haben, aber sich den Passanten so aggressiv aufgedrängelt haben, dass sie besser auf ihr Schild „I disrespect personal borders“ geschrieben hätten… Ich finds sonst immer eine schöne Aktion. Ich denke bei den Cosplayern ist es auch so eine Community-Verbundenheit. Als Subkultur und klar definierte Gruppe ist man eine große Familie, da verteilt man umso lieber Umarmungen. Und auch mit Fremden, die die Kostüme misstrauisch anschauen, oder ganz heimlich sogar gut finden, kommt man mit so einer kurzen Berühung dann doch in Kontakt und überwindet eine Hemmschwelle….

    • Die Mangacommunity wirkt generell sehr offen auf mich. Natürlich sind da viele Spießer und Nörgler darunter, die in einigen Dingen eine sehr konservative und verachtende Meinung haben. Allerdings wird Freundschaft groß geschrieben. Vielleicht liegt’s am Alter oder an den Mangainhalten (Macht der Freundschaft ;) ).

      Ich bezweifle aber, dass Cosplayer so häufig bei der Aktion involviert sind, wie es herüber kommt. Es könnte vielleicht eher am Kostüm liegen, sodass man diese Leute leichter im Gedächtnis behält. Außerdem fallen mir die Free Hugger auch erst auf, wenn auf Conventions wenig Leute sind.

      „I disrespect personal borders“… da kenne ich so einige Geschichten zu…

  3. Also ich lasse mich bestimmt nicht von Fremden umarmen. Da habe ich ein grosses Problem mit. Ich will keine Emotionalität mit Leuten austauschen, die ich nicht kenne und die mir nichts bedeuten. Eine Umarmung kommt für mich nur innerhalb der Familie oder einer Partnerschaft in Frage.

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