Manga und Anime verstehen mit den „Japanoschlampen“

Falls das funktioniert…

Manga erklären sich erst von selbst, wenn man sich tatsächlich mit ihnen beschäftigt. Umso interessanter, wenn andere davon berichten. In der Animationsserie „Japanoschlampen“ von Coldmirror wird die Faszination Manga mithilfe von Animeklischees aufgegriffen und parodiert („Coldmirror“, seit 2010, ARD/Einsfestival; Youtube). Der Anime (= Zeichentrick) gehört zu Japans Exportschlagern und lässt so manchen Nicht-Japaner noch immer die Augenbraue heben. Mit Absurdität und Risikofreude vermittelt Coldmirror in den kurzen Folgen zwar ein abschreckendes Bild. Jedoch kommt die Serie gerade bei den Manga- und Animefans gut an. Nicht nur Japanophile haben ihren Spaß daran.

Die ersten Eindrücke. Eine idyllische Landschaft. Im Hintergrund Japans stark verehrter „Fujisan“, eine Pagode und sanfte Musik.
Die beiden Protagonisten Wake (gesprochen: Uake) und Chao erscheinen im Bild. Ganz typisch für Animes: Sie reden laut, gehen noch zur Schule, haben knallbunte Haare und sind wie nicht von dieser Welt. Dann folgt das legendäre Intro:

Yeah, Japanoschlampen erleben schlampige Abenteuer.
Total schlampig. (Japanoschlampen!)
Schlampig gezeichnet, schlampig animiert,
total stumpfe Anime-Scheiße. (Japanoschlampen!)

Spätestens jetzt weiß man, es ist Coldmirror!

wake
Wake mag süß aussehen, ist aber verwöhnt, gewalttätig (frühere Bandenchefin) und ein wenig irre (wacko)… | © Coldmirror
chao
Chao ist ihr depressiv wirkender Schulfreund, der heimlich in sie verliebt ist und ständig alles abbekommt. | © Coldmirror

Wakes und Chaos Mitschüler sind nicht weniger speziell. Da wären Ass (ein perverser Pokémon-Fan), Midori (eine unscheinbare Streberin) und deren beste Freundin Ruba-San (kein Esel!, aber ebenfalls begabt). Und natürlich erleben sie alle „Abenteuer“! Mal mit magischen Kräften, mal mit Sammelkarten oder Tieren wie Pichukasu-Chan. Ebenfalls typisch: Die Macht der Freundschaft. Das funktioniert in jedem Anime! Macht und Kraft, das wird auch schnell in „Japanoschlampen“ klar, sind in Manga sehr großzügig definiert.

Ist die 1. Folge noch recht spröde, nimmt die Qualität im Verlauf zu. Auch wenn der Mangabezug ab Mitte der Serie verloren geht. Schade, denn es geht ja immerhin um Coldmirrors Sicht auf Animes. Hier konkurrieren ihre Interessen. Coldmirrors bekannter Faible für Popkultur bringt Anspielungen auf Filme (z.B. The Ring), Spiele (z.B. Final Fantasy), andere Serien (z.B. Mutant Ninja Turtles, Batman) und sogar auf Tokio Hotel (Will kann nicht singen). Darin verlor sie sich allerdings, ehe sie den Mangabezug in den letzten beiden Episoden der zweiten Staffel wieder aufnahm.

Insiderwitze machen mehr Spaß. Die Serie bietet keinen erleuchtenden Einblick in die Szene, aber in die Werke an sich. Für Außenstehende schwer zu verstehen, dennoch… komisch genug. Die mangaspezifische Symbolik wie die japanische Sonne (Kyokujitsuki, eigentlich ein Militärsymbol), das Nasenbluten und die Tropfen am Kopf werden von Animeguckern schnell wiedererkannt. Der Inhalt von „Japanoschlampen“ beruht vermutlich auf durchschnittlichen Serien, die auf deutschen TV-Sendern (z.B. RTL 2) liefen. Darum fände ich einen Anspruch auf Tiefgründigkeit übertrieben. Es war eben oft „stumpfe Anime-Scheiße“.

Wie langatmig das Kämpfen in Animes sein kann, sieht man in Folge 21 als Anspielung auf „Yu Gi Oh!“ und „Digimon“ sowie in Folge 4, eine Hommage an „Mila Superstar“.

© Coldmirror „Japanoschlampen #21 – Ein abgekartetes Spiel“ (Youtube)
© Coldmirror „Japanoschlampen #4 – Meister Futsis Herausforderung“ (Youtube)

Der Humor kann auch anecken, Coldmirror eben. In Folge 9 („Fun am Strand“) wird die Schulklasse während eines Strandausflugs von einer Tsunamiwelle mit Atomfässern überrascht, die an die Ereignisse von Fukushima erinnert.
Die Namen der Figuren sowie im Abspann verweisen auf schwer zu merkende oder auszusprechende japanische Namen. Dabei verwendet sie aber auch mal gerne Namen wie „Ding Dong“. Andere Wörter wie „scheiße“, „Titten“ und „Arsch“ sind da nichts.

Und ein bisschen Meta. Manche Geschehnisse werden, ähnlich wie in der Comedyserie „Little Britain“ (GB), am Ende von einem Off-Sprecher betrachtet. Dann folgen Kommentare wie:

„… Kämpfe [werden] auf 1.000 Folgen ausgedehnt […], obwohl der Kampf nur 5 min dauert. Warum kämpfen die überhaupt?“ (Folge 1)

„Warum schreie ich überhaupt die ganze Zeit?“ (Folge 2)

„Und diese Verwandlungen mit den Schleifen, wozu sind die gut?“ (Folge 6)

Es sind allgemeine Fragen, Kritik (v.a. an Merchandise für Kinder) oder absurde Feststellungen, aber nie Kritik am Publikum.

Es gibt zwar aktuell schon 22 Folgen, das Potential ist aber noch ziemlich hoch. Besonders durch die Kürze der Folgen (nie länger als 3 min). Wer die Insider nicht versteht, erfreut sich vielleicht an Coldmirrors Stimme und an ihrem eigenwilligen, teils trashigen Humor. Egal welche Kultur und Szene, sie nimmt alle aufs Korn. Der Name der Serie lautet beispielweise: „Japanoschlampen“. Noch krasser geht’s doch nicht, oder?

Was ich an der Serie v.a. mag, sind die seltsamen Pausen (z.B. Folge 16). Momente des Schweigens. Als auch die Tatsache, dass im Japanoschlampen-Universum alle Geschäfte Ramen (jap. Nudeln) verkaufen. Da lohnt sich das Einkaufen doch glatt!
Wo außerdem findet man Serien, abgesehen vielleicht von Animes, in denen man sich über Mangafans und/oder ihr Hobby lustig macht? Auch das muss mal sein, gerade wenn es so witzig gemacht ist wie „Japanoschlampen“.

Am 2. Oktober 2014 startet die nächste Staffel von „Coldmirror“ auf Einsfestival. Dann kommt „Japanoschlampen – The Movie„.

Meine Lieblingsfolgen sind 7, 8, 12, 13. Und deine?

Hat das Intro schon wieder als Ohrwurm
a|fiction|esse

Coldmirror (Kathrin Fricke) ist Deutschlands bekannteste Youtuberin. Bekannt wurde sie zunächst durch Harry Potter-Parodien, indem sie Filme neu synchronisierte. Sie macht u.a. Animationen, Synchronisationen, humoristische Kunstanalysen und Sketche. Ihre Markenzeichen sind die markante Stimme und Sprache, der ungewöhnliche Humor und ihre Geek-Interessen. Sie gehört zu den ersten deutschsprachigen Youtubern mit eigener Radio- und TV-Sendung.
Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s