Bloggen? Nee du, lass mal lieber!

Durch Zufall bin ich auf eine 10 Punkte-Analyse von Felix Salmon gestoßen, in der er sich 2009 über das dezente Bloggerverhalten der Deutschen äußert. Etwas spät, aber immer mal wieder Thema. Aus der Einleitung:

Er gilt als einer der profiliertesten US-Wirtschaftsblogger – und ist enttäuscht von der Szene in Deutschland. Im „SZ-Magazin“ nennt Felix Salmon zehn Gründe, warum er sich hier keine lebhafte Blogosphäre vorstellen kann.

> Der Link: „Medien in der Krise – Warum Deutschland Blog-Hemmung hat“

Der Titel ist grausig („Medien in der Krise – Warum Deutschland Blog-Hemmung hat“) und in Verbindung mit dem Datum 8. Mai (klingelt’s?) irgendwie unfreiwillig komisch. Die Einleitung macht es nicht besser. Und der Rest… mein erster Gedanke: Heul doch!

Jetzt mal ernsthaft! Der Artikel erinnert mich an die berüchtigte Wahlwerbung der Grünen zur Bundestagswahl 2013. Dort werden die Parteien von einem „Forscher“ analysiert und dem Zuschauer vorgestellt („Neues aus dem schwarz-gelben Tierreich„, „Die Gastropoda“). Hier mal der Punkt 7 von Felix Salmon:

7. Blogger sind die natürlichen Außenseiter, sie sind sogar stolz auf diesen Status und sehen sich gern als die Einzigen, die im Angesicht der Macht die Wahrheit sagen. In Deutschland kommt man nicht besonders weit, wenn man sich zum Außenseiter erklärt, man gewinnt kein Ansehen und Ansehen ist etwas, wonach fast alle Deutschen streben.

Kotz, würg. Typologien sind immer so eine Sache. Auch ich habe mal ein bisschen „getafft„, die Schubladen geschlossen, einen auf Bohlen gemacht. Aber muss es denn echt so sein? Für Klicks hat er sicherlich gesorgt. Übrigens, „manche„, „viele“ und „fast alle“ können eine ernste Kritik trotzdem immer noch zynisch aussehen lassen. Es könnte an der Übersetzung liegen, aber so richtig viel Wert auf Konkretisierungen legt er wohl nicht:

10. Die Deutschen nehmen ihre Ferien extrem ernst. Der Blogger kennt keine Ferien.

Also wirklich! Das geht doch nicht! So über die Blogger zu lästern! Tss, tss, tsss. Dann will halt wieder keiner mit ihnen spielen. Und? Geht jetzt die Welt unter?

Woher kommt dieser regelrechte Zwang zur Teilnahme am Mediengeschehen? Viele Leute fürchten sich vorm Bloggen, nicht nur die Deutschen. Salmon bezieht sich insbesondere auf Wirtschaft und Politik. Zwei Bereiche, die tatsächlich stark von „oben“ gestaltet und analysiert werden. Statt dem täglichen Börsenbericht im TV hätte ich gerne mehr Normalos, die sich über Finanzen den Kopf zerbrechen. Ich hätte auch nichts dagegen, mir von Passanten auf der Straße eine Definition des DAX geben zu lassen. Was ich aber nicht verstehe: Wozu die ganzen Medien?

the very HUNGRY Caterpillar by xpuppeteerx14x on deviantart
Ein Nimmersatt muss gefüttert werden.
© xPuppeteerx14x auf deviantart.com

Wenn ich keine Lust auf Medien habe, egal weil schlecht informiert, schlecht gebildet oder unter Zeitruck, dann wären Social Media, Blogs, Foren und wie der ganze Rotz auch heißen mag immer noch kein Gewinn für mein Leben. Das erinnert fast an Gruppenzwang. Die machen es, also ich auch. Ist doch stulle! Manchmal können vermeintlich potentielle Konsumenten nichts damit anfangen, weil sie direkte Kontakte und einen Alltag ohne Medien bevorzugen. Man kann sie immer davon überzeugen, sich mal mit WordPress zu beschäftigen, aber ohne Bedarf kommt halt nix! Ich glaube, Angst und Ignoranz geben sich hier die Waage. Umgekehrt sollten einige Medienjunkies mal überprüfen, in welchem Gewand der neueste Sch*** daherkommt. Und bitte: Denk doch mal jemand an die Kinder!

Es gibt so viele Medienangebote, die man kaum wahrnimmt. Große Buffets sind immer toll. Aber entweder ist es zu viel oder es wird grottig! Wozu brauche ich Frühstücksfernsehen? Wozu läuft das TV-Programm überhaupt 24h??? Warum zeigt mir freenet so komische Schlagzeilen? Benutzt irgendwer mal alle Programme seines Computers oder Tablets, für die schließlich Speicherplatz draufgeht? Was ist aus den Klingeltönen geworden, die es früher auf MTV und VIVA gab, hat die noch irgendjemand? Wozu brauche ich einen Klosimulator als Spiel? Was bringt mir Instagram? Kann mir jemand sagen, warum die Lieder sich im Radio auf den unterschiedlichsten Kanälen wiederholen? Warum verkauft man im Buchladen Pocketbücher im Mikroformat, die an Bilderbrücher für Erwachsene erinnern? Wer behält Werbegeschenke von Firmen, wenn auf den CDs eh nur kurze Texte sind, die ich auch auf der Webseite finde? Warum gibt es eine Neuauflage von „Spiderman“???

Seufz, bleib dir selbst treu!

*meltdown*
a|fiction|esse

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