typische Convention, Verkäufer, Markt

Bis zum Ende! (MMC 2013)

Zu Fuß, uff‘m Wasser und den Rest mit de Pferde.
„Wie, du kommst am Samstag? Bist du verrückt?“, fragt mich ein Bekannter verblüfft, als wir uns samstags auf der MMC 2013 begegnen. Er ist seit Freitag dort und muss bis Sonntag bleiben. Schließlich ist er einer der Anbieter. „Es ist doch so voll hier!“, fügt er wehleidig hinzu. Ich winke ab und gehe weiter durchs Getummel.

Bereits die Hinfahrt ist wie üblich ein echtes Highlight. Die Passanten an der U-Bahn schauen sich aufmerksam um. Am Bahnsteig sammeln sich nach und nach Gruppen von Cosplayern. Es sind meist junge Leute, ungefähr zwischen 16 und 21. In der Bahn schließlich sitzen sie alle wie die Hühner auf der Stange. Nur die Gespräche bleiben lebhaft. Es geht um Katzenfutter, wer diesmal wegen Studiums nicht dabei sein wird oder neu erschienene Bücher. Manchmal fragen sie einander, wie denn wohl ein Bekannter kommen werde. „Soweit ich weiß als Zelda.“, heißt es dann. Es geht natürlich ums Kostüm, nicht um die Strecke! Andere Kostüme bzw. Figuren sind deutlich japanischer. In der Vielfalt der Manga und Animes bleibt das Kennen aller Charaktere eine schwere Aufgabe. Auch später werde ich mit Kostümen konfrontiert sein, die ich vorher noch nie gesehen habe.

Wittenau, Endstation. Wieder starrende Leute. Auf der Rolltreppe fährt eine Cosplayerin mit einem Halsband. Eine Leine führt zur Hand ihrer „Herrin“, ebenfalls im Kostüm. Sie geht im selben Tempo die Treppe hinauf und lässt die Leine nicht los. Die beiden sind verbunden, für den Segen der Inszenierung. Oben angelangt steigen wir schnell in den Bus, denn die Busse sind schnell überfüllt. Angekommen am Märkischen Zentrum latschen wir über die Straße. Die Cosplayerdichte steigt mit jedem Meter. Je mehr man sich dem Fontanehaus nähert, desto mehr sind sie in ihrem Element. Wieder verstehen die Leute die Welt nicht mehr. Und wieder denke ich: „Ja, hier bin ich richtig.“.

Ran an die Buletten! Ich glaube, mit meinem Ticket gegen 11h einfach hinein marschieren zu dürfen. Pustekuchen! Plötzlich heißt es: Anstehen! Dafür dauert es aber nur eine Viertelstunde. Für Vor Ort-Käufer, so wird es später berichtet, kann es zu dieser Zeit bereits zu spät sein. Die Besucherzahlen in Berlin sind seit den Anfängen gestiegen. Die MMC 2013 ist an diesem Tag schon zur Mittagszeit voll belegt bzw. ausverkauft.1)

Der Frust vom Anstehen ist schnell vergessen, als ich vom heiteren Helfer zum Empfang gewunken werde. Meine These: Glückliche Helfer stehen mit den Teilnehmern in Kontakt, die nicht so glücklichen müssen die Fluchtwege bewachen. Die Vorfreude steigt beim Empfang des Conhefts und des Bändchens. Ich schaue in die knallbunte Tüte mit den Give aways. Dieses Jahr nichts Spektakuläres. Nur Bleistifte mit dem Logo MMC gibt es eventuell zum ersten Mal. Am Infostand entdecke ich einen kleinen Aushang. Neben dem offiziellen Tagesplan und Werbeflyern der Showgruppen wird eine Person gesucht. Es sei ein Yoshi zu melden, der sich mit einer Mario-Mütze unter den Teilnehmern versteckt. Solche Aktionen gibt es nur hier!

Unter Otakus?
Auf dem Teppichboden des Eingangsbereichs relaxen Sitzgrüppchen. Diese versperren teilweise den Zugang zu den ausgehangenen Bildern. Wo man doch in diesem Jahr alle Werke direkt unter den Bilderrahmen kommentieren kann. Es dauert nur wenige Meter, bis die Beinfreiheit von den Massen eingenommen wird. Die ersten Wege gabeln sich. Gleich zu Beginn fällt mir ein Mann um die 70 auf. Er ist scheinbar der älteste Teilnehmer an diesem Tag, aber nur mit wenig Abstand. Der jüngste muss noch getragen werden. Das mit dem Laufen klappt noch nicht so gut. Lachen und Türen sind zu hören. Mit etwas Glück hört man sogar Japanisch.

Unter den Cosplayern findet man wieder alles von niedlich bis aufregend: Kimonos aus Seide, Partnerlooks, Ganzkörper-Make up [Auf der Facebook-Seite der MMC werden einige Fotos geteilt]. Ein Mädchen „in zivil“ zeigt indes auf Cosplayerinnen in Sportanzügen. Der kurze Aufschrei klingt nach einem Mikroorgasmus. Die Kostüme seien aus ihrer absoluten Lieblingsserie, werden aber normalerweise von „heißen Jungs“ getragen. Sie überredet einen Freund dazu, nach einem Foto zu fragen. Als er mit dem Foto wiederkommt, beginnt sie auch gleich mit den Witzen. Dabei gibt es dieses Jahr erstaunlich viele männliche Cosplayer, von einem ganz anderen Kaliber als sonst! In ihrer Gruppe trägt jeder „zivil“.

Es ist Anfang Oktober, nicht wie früher Halloween. Als ich aber sehe, wie ein zombiehafter Doktor einen Monsterpatienten im Rollstuhl herumschiebt (vermutlich „Outlast“, Bild mit expliziten Inhalt), kommt schnell Halloweenstimmung auf. An einer anderen Stelle läuft ein charismatischer Luigi mit stattlichem Schnurrbart vorbei. Nett anzuschauen ist auch die „South Park“-Gruppe. Der Blickfang des Tages ist aber definitiv eine Harley Quinn („Batman“), mit viel weißer Schminke und vermutlich teurem Lackoutfit. Die Batman-Cosplayer der MMC und AniMaCo neigen dazu, immer etwas er-/gewachsener als die üblichen Cosplayer zu sein und andere Stoffe zu verwenden.

Das Herzstück der Con. Wie immer zuerst die Händlerräume! Vorbei geht’s am Stand der AniMaCo, bei denen man traditionell fürs nächste Jahr Tickets kaufen kann. Die Leute mit den blauen T-Shirts sind gut drauf. Sie haben den Stand sogar mit Papierschlangen geschmückt. Diesmal gibt es ja auch etwas zu feiern: bald 10 Jahre AniMaCo!

Die Händler verkaufen Plastik, Plüsch, Perücken, etc. Die dominierenden Farben sind schwarz, rosa, babyblau und orange. Am Stand für K-Pop (korean. Pop) spielt das Lied „Mama“ der Band EXO-K, es ist eine Mischung aus modernem Pop und europäischen Mönchsgesang. Die Waren türmen sich auf den Regalen bis zur Decke hoch. Es geht so noch bis zum UG weiter, durch die Schulflure, entlang an den Spinten und dann die Treppen zur Aula hinunter. Die Con ist ein Ort der Fantasie. Jedoch nicht unbedingt für Rollstuhlfahrer. Und so langsam gehe ich Panikszenarien durch. Das Fontanehaus und die anschließende Schule haben ihren Charme, aber über die Jahre ist vieles expandiert.

Ab und zu bekommt man Essen zu Gesicht. Wenn man von den Schlangen absieht. An den sehr engen Orten, muss ich aufpassen, Cosplayern mit ausladenden Roben nicht auf die Kleider zu treten. Da jeder erstmal anschauen möchte, heißt es auch mal Warten. Ein Mädchen sagt zu ihrer Freundin: „Ach komm, lass später nochmal gucken!“. Die beiden springen vom Kauf ab. Bald bekomme ich den Eindruck, dass dieses Mal wieder weniger Manga angeboten werden. Wird Manga Lesen immer unbedeutender? Zeichenutensilien finde ich eigentlich nur an einem Stand, in einer hinteren Ecke.

Der Hauptsaal im Fontanehaus ist so dunkel und groß wie ein Wald in der Nacht. Hier kann man sich in den weichen Sitzen gut entspannen und gleichzeitig von Showgruppen oder Cosplaywettbewerben unterhalten lassen. Man muss u.U. gut über die Serien bescheid wissen, um so etwas vollständig genießen zu können. Alles, was hier auf der Bühne gezeigt wird, ist immer fast zu 100% Eigenarbeit der Fans. Die Fans stellen also auch ein eigenes Programm. Gerade abends herrscht ein richtiges Stop-and-Go. Die Zuschauer dürfen nur unter Anweisung hinein. Die freien Plätze werden abgezählt. Und während sich die Massen im riesigen Hauptsaal niederlassen, bleiben die Videoräume häufig unbesucht.

Es ist für mich schwerer, eine ruhige Ecke zu finden. Vielleicht haben der Fotograf und die Cosplayerin im Brautkleid improvisiert, die ich auf dem Weg zum Fontanehaus sah. Sie standen ungestört für ihre Foto-Session auf dem Marktplatz. Selbst der Schmutz am weißen Kleid wurde dafür in Kauf genommen.

Jackpot: Workshops
Für den ersten „Termin“ im Workshopraum I muss ich einen Weg ins OG finden. Verlaufen passiert selten. Im Treppenhaus herrscht Gewusel und schon sehe ich Müll. Oben öffne ich die Tür. Ein Mädchen singt Karaoke. Ihr Gesang ist sehr laut und sehr schief. Neben mir scherzt einer: „Ich glaube, in mir ist gerade etwas gestorben!“. Lust auf Karaoke habe ich nicht…

Im Kunstraum der Schule tummeln sich viele Leute. Die diesjährige MMC ist v.a. Samstag ein Paradies für Geschichtenerzähler! Erzählt wird etwas zu Kurzgeschichten, zum Publizieren, Panneling (Anordnen von Erzählsequenzen im Comic) und sogar zum Filmen. Wer nichts zum Schreiben hat, bekommt etwas. Dennoch üben jene Teilnehmer Selbstkritik: „Schlecht vorbereitet!“. Ein Vertreter des Comic Culture-Verlags gibt uns sogar Handouts! Wir sitzen in den Bänken und schauen auf die Tafeln. Immer mal wieder hetzt eine Helferin in die Workshops und fragt, ob noch etwas gebraucht wird. Insgesamt wirkt die Con unorganisierter als sonst.

Kursleiter sind u.a. Bastien Anderie-Meyer und Nina Vaziry, die als Autoren viele Tipps parat haben. Gerade beim Thema Schreibblockade nehme ich heute vieles mit. Ich lerne die „Schneeflocken“-Methode kennen und werde über den schmalen Grat zwischen einem aktiven und passiven Charakter aufgeklärt. Schnell wird auch das Prinzip des gemeinsamen Lernens deutlich. Bei konkreten Problemen im eigenen Projekt geben sich alle gegenseitig Tipps. Scheinbar kommen die älteren Conbesucher in diesen Workshops zusammen. Auch wenn das Mischverhältnis der Altersgruppen stets ausgeglichen ist. Zum Vergleich sieht man in Zeichnerworkshops fast nur Schüler sitzen! Es erinnert mich an die Jurorin eines Mangawettbewerbs. Sie sagte einmal: „Die jüngeren zeichnen häufig besser, aber die älteren erzählen die besseren Geschichten.“.

Die Beine werden schwer. Die restlichen Stunden der Con verbringe ich fast nur noch mit Story-Workshops. Dass ich mir eigentlich noch die RPG-Gruppe (Role Playing Game, Rollenspiel) ansehen möchte, vergesse ich sogar ständig. Ich esse langsam meine Vorräte auf und hole mir ein paar Reisbällchen mit Lachsfüllung. Mehr ist durch die Fülle der Besucher kaum drin. Irgendwann abends versuche ich es noch einmal. Denn Mc Donalds hat zwar am längsten geöffnet, steht aber sonst nie auf meiner Liste. An der Hauptausgabestelle streikt die Technik. Am Ende des Tages gibt es für mich nur noch zwei Wiener. Ohne Schrippe! Nun ärgere ich mich, dass ich vorher nicht doch beim Stand der japanischen Hausfrauen angestanden habe.

Bevor das gesamte UG dicht gemacht wird, gibt es auf einer kleineren Bühne als eine der letzten Aktionen einen Scharf-Essen-Wettbewerb. Unter Aufsicht der Sanitäter. Es bietet sich ein unvergleichlicher Anblick. Die Zuschauerreihe verläuft bis in die nächste Etage. Von oben, übers Geländer gebeugt, schauen sie. Gespannt und lächelnd. Kurz zuvor läuft Chan von Applewar Pictures (bekannter Youtuber und Mangafan) vorbei. Er kann sich frei von den üblichen Teenie-Horden bewegen und so halte ich fest, es ist wirklich schon spät.

Ich verlasse das Fontanehaus mit gemischten Gefühlen. Das Märkische Zentrum ist leer und duster. Der Einkaufskomplex gehört nun den MMC-Besuchern. Mc Donalds ist wie zu erwarten von Cosplayern besetzt. Es nieselt und ist nass. Manche der Kostüme schleifen auf dem Boden. Zwei Cosplayerinnen laufen sogar barfuß. Wie auf der Hinfahrt treffe ich wieder auf viele Teilnehmer. Vereinzelt sehen sie aus, als kämen sie vom Shoppen. Trotz des langen Tages, ist man in der Bahn noch putzmunter. Und wieder schauen die Leute ungeniert.

Nächstes Jahr wieder dabei
a|fiction|esse

1) hier heißt es offiziell um 11:29h am Samstag:

Leider müssen wir Euch mitteilen, dass die Con für heute ausverkauft ist. Karten für Sonntag erhaltet Ihr Morgen an der Tageskasse. Vielen Dank für Euer Verständnis.

Mitteilung der MMC am 5.10.2013, 11:29h

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