Psst, ich lese Manga.

Neulich hatte ich so einen „Kultur-Flashback“. Da trafen drei Cosplayer auf zwei Eltern mit ihrem Kind und die Mutter sagte:

„Ach guck mal, Leonie! Das sind die Manga-Leute!“

Die Betonung der Mutter von „Manga-Leute“ klang uneindeutig. Was wollte uns die Mutter damit sagen?

Es gibt ja sogenannte „Couch-Potatoes“ und dann noch die sogenannten „Bücherwürmer“. Man kann sich zu einem der beiden zählen, aber normalerweise nicht zu beiden. Glotzer und Vielleser in einem? Zu welchem kann und vor allem möchte man sich bekennen? Doch haltet ein! Diese Hürde gilt nicht für den Comic.

Eltern, Eltern, Eltern. Wie bereits erwähnt, schafft unsere Gesellschaft die Erwartung, dass es schon peinlich ist, wenn man mehr Comic-Reihen als die alten Schinken von Entenhausen oder den Abrafaxen kennt. Bin ich dann auch noch begeisterter Leser und älter als 10, passt irgendwas nicht ins Bild… Seit einigen Malen auf der Manga-Convention (Veranstaltung für Manga-Fans) sehe ich immer mehr Eltern, die ihre sehr jungen Kinder begleiten. Erheiternd. Denn diese Eltern sind gewöhnlich die einzigen im ganzen Rummel, die auf die Meinung des Verkäufers wert legen, um sich eine Altersempfehlung einzuholen. Irgendwo schön. Diese Eltern interessieren sich für das Wohl ihrer Kinder. Der Rest der Besucher, gerade die „Pubertäterinnen“, hat wahrscheinlich eh schon jeden Anstand und jede Moral verloren..! ;)

Mich wundert es nicht, dass ein Buch noch immer mehr Wertschätzung erhält als ein Fernseher. Auch wenn der Computer eigentlich den Fernseher ersetzen soll, aber dies für das Buch tut. Wohin setze ich dann eigentlich den Comic? Eine Gruppe japanischer Senioren machte mich auf etwas aufmerksam. Einige von ihnen pfeifen sich noch regelmäßig einen Manga hinein. Diese Leute sind nicht 10, sondern mindestens sechsmal so alt! Im japanischen Alltag fällt dieses Hinein pfeifen in der Öffentlichkeit angeblich weniger auf (Quelle: Internet). Die Manga werden trotz Angeboten für die älteren Semester sicherlich immer noch als „kindisch“ angesehen, aber was ist in Japan so nicht-außergewöhnlich am Comic lesen?

Sind die Japaner einfach nur daran gewöhnt, weil sie damit aufwuchsen..?
Es könnte vielleicht die Ästhetik sein..? Manga-Figuren können sehr anmutig oder faszinierend aussehen. Für jeden Geschmack ist etwas dabei. Manchmal ausgeflippt, manchmal graziös. Für jeden Künstler gilt außerdem die ungeschriebene Regel, eine Figur attraktiv aussehen zu lassen. So etwas zieht an.

Ist es vielleicht die Erleichterung des Lesens? Sicherlich setzt man den Schulkindern keinen Comic vor, aber zum Einstieg schadet er auch nicht. Einen Manga kann man schnell lesen, es ist eine angenehmere Form des Lesens. Auch wenn andere etwas anderes unter dem Lesen solcher Bücher verstehen.

Könnte es vielleicht das Vertrauen ins Genre sein? Das Hauptpublikum / die Zielgruppe eines Comics ist sicherlich auch in Japan erst in der neunten Klasse und quält sich gerade durch die Prüfungen. Pauken for fun! Die Geschichten spielen in den Schulen und Familien. Es werden ein paar bekannte Konflikte angesprochen. Aber mit so wenig Realität, um sich von der Fiktion ernähren zu können. Da sich die Genres der Geschichten ähneln, weiß man ungefähr, was einen erwartet. Die Spannung geht dadurch scheinbar nicht verloren.

Ist es vielleicht eine gewisse Offenheit für Erfahrungen? Um neues auszuprobieren, muss ich ein bisschen offen und tolerant sein. In Japan besteht vielleicht ein großes Interesse an einem Manga als anerkannten Teil der Landeskultur. Man pflegt die Tradition und macht etwas aus ihr. Auch der Manga trug zum guten Ruf des Landes bei. Manga gelten als cool. Sie sind bekannt. Häufiger werden sie auch fürs Marketing eingesetzt. Scham sieht jedenfalls anders aus.

Kann ich nicht ein lesender Lesemuffel sein? Oder eventuell ein bequemer Leser? Comics bieten eine Geschichte in Text und Bild. Das ist, was die meisten vergessen: Es gibt neben der Optik noch einen Text! Ist der Text interessanter als die Bilder, wird daraus eine Novelle gemacht oder das ganze als Hörspiel, Film oder Videospiel veröffentlicht. Reizt der Zeichenstil, gibt es Poster und anderes Merchandise. Man hat viel von Comics. Im Grunde kann man alles verwerten… Eine sehr gute Geschichte mit interessanten Dialogen und einem anmutigen Zeichenstil findet man nicht immer. Dennoch scheint es einen Grund zu geben, warum das Comic Lesen Spaß macht.

Kopfschütteln, oh je, oh je. Das Kindliche wirkt erwachsener. Einfach mal etwas zu probieren, was zunächst unsinnig aussieht, fällt uns wohl allen schwer. Vielleicht liest auch du eines Tages einen Comic und vielleicht probiere ich es doch noch mit dem Cosplay…

Es schmökert
a|fiction|esse

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7 Gedanken zu “Psst, ich lese Manga.

  1. Das grosse Problem ist ja die Gratwanderung zwischen den Extremen, die Unbeteiligten auffällt. Der unauffällige Konsument mit speziellen Genre Interessen wird weniger wahrgenommen, als diese Cosplay-Hausierer. Ich mag mit dieser Conventions Szene zum Beispiel nicht in Verbindung gebracht werden. Wenn jemand zum ersten Mal mein Medienzimmer betritt, kommt auch hin und wieder die Frage ob ich so ein Manga-Heini sei. Die Nachfrage nach Vorurteilen zeigt, dass eben Extreme wie Erotik mit Darstellerinnen zweifelhaften Alters oder Gewaltdarstellungen insgesamt wahrgenommen werden. Und dann verweise ich auf mein Regal voller Werke von Osamu Tezuka, Naoki Urasawa und Jirô Taniguchi und bitte mir zu zeigen, was man eigentlich meint. 😉

    • Was ist ein „Medienzimmer“? ^^“ Ist das ein Extraraum oder einfach nur eine Bezeichnung aus dem südlichen deutschsprachigen Raum für Wohnzimmer?

      Die Frage ist, wie wichtig dir die Meinung der Außenstehenden werden sollte. Bei gewissen Subgenres bin ich dafür, dass Leute von außen Feedback geben. Zum Beispiel bei der Sache mit dem „zweifelhaften Alter“. Andere lassen sich – zurecht – nicht beeindrucken. Die Furry- oder Bronie-Fraktion werde ich beispielsweise nie verstehen, aber sollen sie doch ihrem Hobby nachgehen! Bisher gab es nichts, womit sie mich belästigen könnten. Ich kenne die Klischees, aber es sind eben nur Klischees. Manchmal muss isch schmunzeln, aber scheinbar gibt es daran faszinierende Dinge, die es wert sind, erkundet zu werden.

      An anderen Stellen reicht es mir aber auch, selbstbewusst auf die Vielseitigkeit und Entwicklung der Bewegung hinzuweisen. Denn immerhin werden Manga und -fans immer mehr in der Öffentlichkeit integriert.

      • Ich habe mir einen eigenen Raum als Medienzimmer eingerichtet. Angefüllt mit allen Medien, die ich innerhalb der letzten 30 Jahre sichern könnte. Filme, Serien, Videospiele, Literatur, Hörspiele. .. Ich habe Medien immer sehr wertgeschätzt und ihnen zu Ehren vor 3 Jahren ein eigenes Zimmer eingerichtet. Bei Interesse kann ich ja mal Fotos zeigen…😉

      • Mach ne Fotostrecke zu jeder Ecke! Nein, keine Ahnung. Ich war nur vom Wort beeindruckt. Schade, dass Conventions nicht dein Ding sind. Ich freue mich immer über Raritäten im Filmraum oder in der Leseecke.

        (Den letzten Satz kann man wunderbar aus dem Kontaxt reißen. )

      • Aber Raritäten sind ja auch auf anderen Wegen zu bekommen. Auf den wenigen Conventions, auf denen ich War, war mir das Filmprogramm in der Regel schon bekannt. Die letzte Convention auf der ich war, war die MMC 2013. Und dort wurde ich als A***-Loch beschimpft, nachdem ich im Karaoke das Opening von Lady Oscar interpretiert habe. Danke, mit Conventions bin ich durch. Wer sich mit mir treffen mag, dem ermögliche ich es, allerdings nicht auf ner Con.

      • Hm, das effektivste ist wahrscheinlich, mit Freunden hinzugehen, die einen unterstützen. Glaub mir, ich habe auf Conventions auch schon seltsames Zeug erlebt, aber wegen einzelnen Vorkommen sollte man sich nicht aufhängen. Ich meinte eigentlich, dass Raritäten auf Conventions erst durch Leute wie dich zustande kommen.

        MMC? Dann wohnst du wohl in meiner Nähe! :D

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